Berichte

Privater Bericht von Karla SchefterKabul, im Oktober 2015

 

Ich freue mich, ich bin wieder in Kabul. Für wenige Wochen nur, die Lage lässt nicht mehr zu, mein Einsatz wird entsprechend konzentriert.

Sicherheit? Ja, natürlich ist es gefährlich, ich bin vorsichtig, ich exponiere mich nicht, aber wenn ich meinen Auftrag erfüllen will, dann sind damit Risiken verbunden. Das wird mich nicht davon abhalten, einen Projektbesuch in Chak zu machen. Ich muss alles selbst in Augenschein nehmen, die Probleme selbst sehen, die Mitarbeiter müssen mich sehen, sie müssen Vertrauen haben, aber auch wissen, dass es Aufsicht und Kontrolle gibt. Das wünschen auch unsere Spender.

Nach meinem Besuch in Chak kann ich feststellen, dass augenscheinlich und im Großen und Ganzen in alles Ordnung ist. Das Hospital funktioniert weiter tadellos, eine unglaublich große Zahl von Patienten, über 7000 ambulante und über 800 stationäre Patienten werden jeden Monat behandelt (unverändert sind dies zu rund 75% Frauen und Kinder). Man möchte sich nicht vorstellen, wie das große Patienten-Einzugsgebiet der Provinz Wardak ohne diese medizinische Versorgung dastände. Unser Hospital bietet eine Basisversorgung, bei der das Wichtige vorhanden ist und die Ärzte und das Pflegepersonal das Mögliche tun. Man würde gerne mehr tun, hier und da mehr anschaffen, vergrößern, mehr Personal einstellen – wenn wir die Mittel dafür hätten, das auch dauerhaft betreiben zu können. Aber sich finanziell zu überheben würde bedeuten, auch das jetzt gut Funktionierende zu gefährden.
Die Reise nach Kabul mit Zwischenaufenthalt in Dubai war planmäßig. Das Flugzeug war völlig ausgebucht, weil in die letzten Septembertage das Opferfest „Id“ fiel. Es ist das höchste islamische Fest, man feiert es wenigstens drei Tage möglichst im Kreis der Großfamilie. Von Dubai nach Kabul waren es deshalb fast nur Afghanen, die einstiegen, um zu ihren Familien zu reisen.
In Kabul dann wieder die gewohnt fröhliche Begrüßung. Es gibt einem eine Art Heimatgefühl. Die Mitarbeiter bringen die beliebten Begrüßungsgeschenke, wie Eier, Honig, Äpfel und Abdul Latif sogar Köfte (Frikadellen), Hühnerschenkel und Pommes frites von zu Hause. Das gemeinsame Essen war ein wunderschönes Gemeinschaftsgefühl.

Ich habe den Eindruck, dass unsere beiden aus Peschawar umgezogenen Kabul-Mitarbeiter gut mit dem Chak-Personal zusammenarbeiten. Das Können der beiden „Neuen“ in Kabul hat überzeugt, man ergänzt und respektiert sich.
Ich bitte darum, für meine Fahrt nach Chak diesmal das Militär nicht zu benachrichtigen: Es besteht sonst die Große Gefahr, dass die Soldaten durch die Taliban beschossen werden, wenn sie die Eskorte für uns übernehmen. Man benachrichtigt direkt am Reisetag den Distriktgouverneur und die Polizei.
Die Fahrt verläuft reibungslos. Ich fühle mich bei meinen Begleitern gut aufgehoben, habe Vertrauen zu ihnen. Sie wissen „was Sache ist“, kennen die Verhältnisse.

Überrascht bin ich, dass die Straße nach Chak ab der Abzweigung von der Hauptstraße Kabul-Ghazni bis hin zur Hospitalzufahrt asphaltiert ist. Es geschehen doch noch Wunder. Mit der Asphaltierung war schon 2002 begonnen worden. Das erste Geld war in den Taschen eines Kommandanten verschwunden. Später wurden die Arbeiten durch Angriffe der Taliban gestoppt, ein Bauingenieur von ihnen entführt. Jetzt im Mai war die Nachricht gekommen, die Asphaltierung sollte wieder aufgenommen und zu Ende gebracht werden. Ich nehme an, die Baufirma hat den Taliban Schutzgeld gezahlt. Über die neue Straße können wir das Hospital nun zügig erreichen.

Für uns bedeutet der Straßenbau aber auch, dass wirdas gesamte Rohrsystem austauschen müssen, das von unserem 50 Meter tiefen Trinkwasserbrunnen und dem dazu gehörigen acht Meter hohen Wasserdepot unter der Straße hindurch zum Hospital führt. Der Brunnen und die Rohre haben eine lange Geschichte. Der Brunnen wurde in der Regierungszeit der Taliban gebohrt. Seinerzeit gab es im Lande angeblich nur drei große Maschinen, die die harten Felsen durchbohren konnten: Eine in der Provinz Paktia, eine zweite gehörte dem Verteidigungsministerium (und ging dort im Einsatz kaputt), die dritte war für uns ohnehin nicht erreichbar. Unter diesen Restriktionen die Brunnenbohrung überhaupt bekommen zu haben, ist sicher mehr als nur ein Glücksfall. Die damals verlegten Rohre erfüllen die heutigen Anforderungen mit den dramatische gestiegenen Patientenzahlen allerdings nicht mehr und sollen durch qualitativ bessere mit größerem Durchmesser ersetzt werden.
Ich muss noch berichten, wie sehr ich die Bauleute bewundere, denen es gelungen ist, an einem Nadelöhr die Straße zu erweitern. Dieser Punkt war immer kritisch zu befahren, auf der einen Seite stehen die Häuser unmittelbar an der engen Straße und auf der anderen führt ein steiler Abhang direkt zum Fluss. Man musste bislang für die Passage eine kleine „Behelfsbrücke“ aus ein paar Baumstämmen passieren – keine leichte Aufgabe, besonders für Lastwagen. Mit der nun realisierten Lösung ist der kritische Engpass beseitigt. Afghanen waren schon immer erfinderisch im Lösen derartiger Probleme. Sie sind geschickte Handwerker, die mit einfachsten Mitteln zurecht kommen.
Beim Empfang im Hospital strahlen alle Gesichter. Ich freue mich unbändig. Blumen leuchten mir in der Herbstsonne entgegen. Ja, mein Platz ist bei diesen Menschen. Ein anderes Zuhause in diesem Andersland. Leider für einen längeren Aufenthalt nach wie vor zu gefährlich, da dies in einer Entführung mit Lösegelderpressung enden kann.

Nach der ersten Begrüßung berichtet der diensthabende Arzt über seine Nachtschicht. Dann kommen die Lehrerin und die Kinder unserer betriebsinternen Schule. Das ist ein Höhepunkt. Jedes Mädchen gleicht einer wunderschönen Blume, auch die drei Buben sind ausgesprochen schmuck. Das Herz geht auf, sie zu erleben. Stolz rechnet eine Elfjährige an der Tafel, eine andere liest flüssig vor. Zusammen singen sie die afghanische Nationalhymne.
Ich habe ihnen ein paar kleine Geschenke aus Deutschland mitgebracht und werde von den Schülern durch selbstgemalte Bilder belohnt. Es fällt mir schwer, mich von ihnen wieder zu lösen, um die Mitarbeiterinnen zu begrüßen – die erwachsenen Blumen. Ich empfinde es immer wieder als etwas Besonderes, dass wir in der Provinz 16 Frauen einstellen und beschäftigen können.

Jetzt trifft der Chak-Kommandant ein, um mich zu begrüßen, dann kommt auch der Polizeichef. Am nächsten Tag ein Schock: Der Chak-Kommandant, der mich begrüßte, wurde erschossen. Es wird mir berichtet, er sei Kameraden in einem anderen Distrikt, wo gekämpft wurde, zur Hilfe geeilt. Dies zur allgemeinen Sicherheitslage.

Ein Internist hatte vor einem Monat gekündigt. Glücklicherweise haben wir Ersatz gefunden, einen Arzt, der fünf Jahre Berufserfahrung in einem Hospital der Koreaner in der Nähe des US-Hauptstützpunktes Bagram gesammelt hat. Sein Krankenhaus wurde nach Beendigung des Fünfjahresvertrages geschlossen. Er macht einen ordentlichen Eindruck und soll am 1. Oktober anfangen.

Nach diesen diversen Begrüßungen besuche ich die verschiedenen Abteilungen. Ganz besonders gucke ich in die Ecken, das ist mein Monitoring. Die Mitarbeiter wollen mir zeigen, wie sie alles in Ordnung halten, wie gut das Depot aufgeräumt ist, wie fleißig sie arbeiten.

Im Impfzentrum weisen mich die Mitarbeiter darauf hin, wie nützlich die mit Solarenergie betriebene Kühltruhe ist.

Die nächste Station meines Rundgangs ist der Besuch der Kranken. Die Bedeutung des Hospitals wird einem hierbei durch die Patienten zu Herzen gehend vor Augen geführt. Mir fällt auf, wie viele kleine Kinder an Durchfall leiden und fiebrig und apathisch neben ihren sich sorgenden Müttern liegen.
Niemand kann die ganze Welt retten. Aber wir tun für das Hospital und mit ihm, was in unseren Möglichkeiten liegt. Wir leisten einen wesentlichen Beitrag zur medizinischen Versorgung. Chak ist ein gutes Projekt, und ich hoffe für die Menschen, dass es auf Dauer erhalten bleibt. Afghanistan, das Land am Hindukusch, hat jetzt 32 Millionen Einwohner, unsere Provinz Wardak eine halbe Million (wenn denn die Statistik stimmt…).

Im afghanischen Radio und Fernsehen (und auch selbst vom Botschafter) wird viel Propaganda dafür gemacht, dass die Menschen in ihrem Land bleiben sollen, und abschreckend wird aufgezeigt, was Flüchtlinge erwartet.
Nach dem ausführlichen Rundgang begrüßen mich unsere Männer im Speisesaal, wieder gibt es Blumen in herbstlichen Farben für mich.

Ich berichte von den vielen Spendern in Deutschland. Ich hebe das Gymnasium Oberhaching hervor, unseren „dienstältesten“ Spender. In der Schule bereiten sie den 25. Afghanistan-Tag vor, ein Jubiläum, an dem die ganze Schule zum Basar wird. Alle sind beteiligt, Lehrer, Schüler, Eltern, Freunde. Es soll wieder ein kleiner Marathon-Lauf durch die Stadt Oberhaching stattfinden, 6.600 Meter lang, die für die 6.358 km nach Afghanistan stehen. Die vordersten Läufer werden dabei die afghanische Flagge tragen. Am Abend gibt es den traditionellen Bunten Abend mit Musik, Tanz, Sketchen und auch mit externen Künstlern, alles mit Liebe, Freude, Kreativität vorbereitet: Ein großzügiges Geschenk für das Chak-e-Wardak-Hospital und seine Patienten durch die dabei erzielten Spenden.

Ich berichte unseren Mitarbeitern auch über die Probleme, die die Flüchtlingswelle nach Deutschland mit sich bringt. Sie hören aufmerksam zu. Ich sage ihnen, wie hoch die Spendenbereitschaft ist, wie sehr sich alle bemühen, durch ihre Zuwendungen die Existenz des Hospitals zu sichern, für die, die in ihrem Land verbleiben.

Durch meinen Kopf blitzte das Wort „armselig”. – Was steckt darin ? – Sind die Armen selig in ihrer Armut? – Ist Armut die Chance, im Leben nach dem Tod selig zu sein?

Letzter Programmpunkt ist unser gemeinsames Festessen, natürlich mit viel Fleisch, und zum Abschluss Tee mit Schokolade aus Deutschland. Mein Eindruck: Alle sind glücklich und zufrieden, der Tag ist rundum gelungen.

Auf dem Rückweg begegnet uns der Distriktgouverneur. Er ist in Zivil mit den Straßenbau-Ingenieuren unterwegs und überschlägt sich fast vor Dankbarkeit und Lob. Zwei Tage später erhalten wir die Nachricht, dass er schwer verunglückt ist und im Krankenhaus liegt.

Zitat aus dem Roman „Das neue Leben“ von Orhan Pamuk, ihm wurde 2006 der Nobelpreis für Literatur verliehen. (Ich bekam das Buch als Geschenk und möchte es gern weiter empfehlen.):
„Da sah ich mit Schrecken, dass sich die Welt um mich herum von A bis Z verwandelt hatte und verspürte eine bis dahin ungeahnte Einsamkeit. Ganz so, als sei ich allein geblieben in einem Land, dessen Sprache, Gewohnheiten und geographische Lage mir fremd waren.Die Ratlosigkeit, die aus dem Gefühl des Alleinseins...“

Diese Zeilen treffen mein Innerstes, ich vergleiche mein Leben in Afghanistan mit dem Leben in Deutschland und mit dem, was in der Welt vor sich geht.
In Kabul erledigen wir die Einkäufe für die nächsten sechs Monate. Wir besorgen, was man so alles auf Vorrat braucht, wie Putzmittel, Büromaterial, alles für den sanitären Bereich, für die Autos und den Generator zur Elektrizitätsversorgung. Das Einkaufen ist nerven- und zeitraubend, der Lärm, die Dichte des Verkehrs, das wuselige Gedränge überall.

Ein großer Posten sind wie immer die Medikamente und medizinischen Materialien. Seit der Talibanzeit lassen wir diese über eine Großhandelsapotheke in Kabul besorgen. Von deren Apotheker Nader war vor einem halben Jahr der Sohn entführt worden.

Holz wird in Gardez eingekauft, die nicht verderblichen Lebensmittel und Dieselöl in Ghazni. Eine erfreuliche Unterbrechung unserer geschäftigen Tätigkeit und mit viel Wiedersehensfreude verbunden ist das Treffen mit den „Schwestern” und den „Brüdern”. Gemeinsam mit Familie Schwittek haben wir einen Schlemmerabend mit den besten Kartoffelpuffern der Welt – eine wohlige Grundlage, um Gedanken miteinander auszutauschen.

Es besucht mich Ing. Mahmood, der während der ersten, schwierigsten Jahre unser Administrator in Chak war. Mit ihm hatte ich die meisten Reisen zwischen Afghanistan und Pakistan gemacht, meistens illegal, sozusagen Kriegsfahrten. In diesen Jahren reisten wir grundsätzlich in Begleitung eines Bewaffneten. Im Kreis seiner Familie schrieb ich auch mein erstes Buch. Ing. Mahmood arbeitete beim Flüchtlingshilfswerk UNHCR, einer der Söhne bei der Regierung. Seit sechs Jahren kann er nicht mehr in sein Heimatdorf, weil er damit rechnen muss, gekidnappt oder gar getötet zu werden. Er erhielt Drohungen und hat aus diesen Gründen seine Familie in die Türkei umgesiedelt.

Unsere Großeinkäufe tätigen wir seit langem in Ghazni. Das Zentrum, der Ghazni-Basar, ist übersichtlich und die Preise sind nicht so verdorben wie in Kabul. Ich kenne die Stadt seit 1992 recht gut. Es ist ein sehr alter, historisch wichtiger Ort. Vor den Kriegen fanden dort Ausgrabungen statt, es fanden sich Denkmäler aus dem 5. Jahrhundert, der buddhistischen Zeit, wie Füße von Buddha im Nirwana. Für mich war Ghazni immer ein besonders erfreulicher Ausflug, weil wir dahin nicht über die Hauptstraße, sondern fünf Stunden über die Dörfer durch eine wunderbare Landschaft fuhren.

Ghazni ist auch berühmt für seine Weintrauben und roten Rosinen. Nur von dort kann ich eine spezielle Rosinengewürzmischung nach Deutschland bringen. Es gibt dort auch viele Herden von Fettschwanz-Schafen. Das berühmte Lokalgericht ist “Karaie”. Es besteht aus Schafshackfleisch mit gegrillten Schafsfleischbrocken (Kabab) und ist mit gekochtem, ziemlich fettem Schafsfleisch gemischt – das Ganze in gut gewürzter Soße. Darüber kommt ein Spiegelei. Traditionell wurden wir von dem Dieselölhändler mit “Karaie” bewirtet. Dieser Geschäftsmann, Hajji Abdul Satar, ist ein besonders sympathischer Mann, dessen Sohn leider vor einem Jahr entführt wurde und der mit seinen Brüdern das Dieselgeschäft betreibt.

Zum „Id“ rufe ich Hajji Abdul Satar an und gratuliere. Die Freude, voneinander zu hören, ist auf beiden Seiten groß. Er will mich besuchen und fragt nach afghanischer Sitte, ob ich mir etwas aus Ghazni wünsche. Ich zögere, aber wegen der guten Erinnerungen bitte ich am Ende doch um “Karaie” und Rosinen. Leider konnte er an dem vereinbarten Tag nicht kommen, da der Sohn seines Bruders durch einen Gasunfall tödlich verunglückte. Gasunfälle passieren häufig, denn es wird oft auf Gas aus Gasflaschen gekocht. Der Umgang damit ist gefährlich, wir haben häufig Patienten, die durch Gasexplosionen schwerste Verbrennungen erlitten. Hajji Abdul Satar schickte trotzdem mit einem Fahrer einen Topf mit Karaie und auch Rosinen nach Kabul der Genuss war allerdings durch den Trauerfall getrübt. So geht das Leben auf der einen Seite einher mit dem Tod auf der anderen.

Ursprünglich wurde das Gehalt der Mitarbeiter des Impfzentrums auf dem Hospitalgelände zur Hälfe von Swedish Committee bezahlt. Vor zwei Jahren teilte man uns mit, dass man sich dies nicht mehr leisten könne. Um das wichtige Impfzentrum nicht schließen zu müssen blieb uns nichts anderes übrig, als die Gehälter komplett zu übernehmen. Und nun kam auch noch die Mitteilung, dass das Gehalt unseres Physiotherapeuten das bisher  aus dem Programm CDAP (Comprehensiv Disabled People) in Ghazni übernommen wurde, zukünftig nicht mehr bezahlt wird, der Vertrag läuft Ende des Jahres aus. Also müssen wir auch noch dessen Gehalt übernehmen, damit diese Abteilung weitergeführt werden kann.

Es ist erstaunlich, mit welcher Geduld die Afghanen jeden Tag neue Hoffnung leben, es ist ihre große Stärke –meine leider nicht. In nun schon seit 40 Jahren ununterbrochenem Krieg haben sie lernen müssen, sich mit der jeweiligen Situation zu arrangieren. Nach ihrer Lebensweisheit gilt: “Über jeden Berg gibt es einen Weg.” Auch für mich gilt das nun schon seit 25 Jahren.

 

Privater Bericht von Karla Schefter
Kabul, im Oktober 2015

Ich freue mich, ich bin wieder in Kabul. Für wenige Wochen nur, die Lage lässt nicht mehr zu, mein Einsatz wird entsprechend konzentriert.

Sicherheit? Ja, natürlich ist es gefährlich, ich bin vorsichtig, ich exponiere mich nicht, aber wenn ich meinen Auftrag erfüllen will, dann sind damit Risiken verbunden. Das wird mich nicht davon abhalten, einen Projektbesuch in Chak zu machen. Ich muss alles selbst in Augenschein nehmen, die Probleme selbst sehen, die Mitarbeiter müssen mich sehen, sie müssen Vertrauen haben, aber auch wissen, dass es Aufsicht und Kontrolle gibt. Das wünschen auch unsere Spender.

Nach meinem Besuch in Chak kann ich feststellen, dass augenscheinlich und im Großen und Ganzen in alles Ordnung ist. Das Hospital funktioniert weiter tadellos, eine unglaublich große Zahl von Patienten, über 7000 ambulante und über 800 stationäre Patienten werden jeden Monat behandelt (unverändert sind dies zu rund 75% Frauen und Kinder). Man möchte sich nicht vorstellen, wie das große Patienten-Einzugsgebiet der Provinz Wardak ohne diese medizinische Versorgung dastände. Unser Hospital bietet eine Basisversorgung, bei der das Wichtige vorhanden ist und die Ärzte und das Pflegepersonal das Mögliche tun. Man würde gerne mehr tun, hier und da mehr anschaffen, vergrößern, mehr Personal einstellen – wenn wir die Mittel dafür hätten, das auch dauerhaft betreiben zu können. Aber sich finanziell zu überheben würde bedeuten, auch das jetzt gut Funktionierende zu gefährden.
Die Reise nach Kabul mit Zwischenaufenthalt in Dubai war planmäßig. Das Flugzeug war völlig ausgebucht, weil in die letzten Septembertage das Opferfest „Id“ fiel. Es ist das höchste islamische Fest, man feiert es wenigstens drei Tage möglichst im Kreis der Großfamilie. Von Dubai nach Kabul waren es deshalb fast nur Afghanen, die einstiegen, um zu ihren Familien zu reisen.
In Kabul dann wieder die gewohnt fröhliche Begrüßung. Es gibt einem eine Art Heimatgefühl. Die Mitarbeiter bringen die beliebten Begrüßungsgeschenke, wie Eier, Honig, Äpfel und Abdul Latif sogar Köfte (Frikadellen), Hühnerschenkel und Pommes frites von zu Hause. Das gemeinsame Essen war ein wunderschönes Gemeinschaftsgefühl.

Ich habe den Eindruck, dass unsere beiden aus Peschawar umgezogenen Kabul-Mitarbeiter gut mit dem Chak-Personal zusammenarbeiten. Das Können der beiden „Neuen“ in Kabul hat überzeugt, man ergänzt und respektiert sich.
Ich bitte darum, für meine Fahrt nach Chak diesmal das Militär nicht zu benachrichtigen: Es besteht sonst die Große Gefahr, dass die Soldaten durch die Taliban beschossen werden, wenn sie die Eskorte für uns übernehmen. Man benachrichtigt direkt am Reisetag den Distriktgouverneur und die Polizei.
Die Fahrt verläuft reibungslos. Ich fühle mich bei meinen Begleitern gut aufgehoben, habe Vertrauen zu ihnen. Sie wissen „was Sache ist“, kennen die Verhältnisse.

Überrascht bin ich, dass die Straße nach Chak ab der Abzweigung von der Hauptstraße Kabul-Ghazni bis hin zur Hospitalzufahrt asphaltiert ist. Es geschehen doch noch Wunder. Mit der Asphaltierung war schon 2002 begonnen worden. Das erste Geld war in den Taschen eines Kommandanten verschwunden. Später wurden die Arbeiten durch Angriffe der Taliban gestoppt, ein Bauingenieur von ihnen entführt. Jetzt im Mai war die Nachricht gekommen, die Asphaltierung sollte wieder aufgenommen und zu Ende gebracht werden. Ich nehme an, die Baufirma hat den Taliban Schutzgeld gezahlt. Über die neue Straße können wir das Hospital nun zügig erreichen.

Für uns bedeutet der Straßenbau aber auch, dass wirdas gesamte Rohrsystem austauschen müssen, das von unserem 50 Meter tiefen Trinkwasserbrunnen und dem dazu gehörigen acht Meter hohen Wasserdepot unter der Straße hindurch zum Hospital führt. Der Brunnen und die Rohre haben eine lange Geschichte. Der Brunnen wurde in der Regierungszeit der Taliban gebohrt. Seinerzeit gab es im Lande angeblich nur drei große Maschinen, die die harten Felsen durchbohren konnten: Eine in der Provinz Paktia, eine zweite gehörte dem Verteidigungsministerium (und ging dort im Einsatz kaputt), die dritte war für uns ohnehin nicht erreichbar. Unter diesen Restriktionen die Brunnenbohrung überhaupt bekommen zu haben, ist sicher mehr als nur ein Glücksfall Die damals verlegten Rohre erfüllen die heutigen Anforderungen mit den dramatische gestiegenen Patientenzahlen allerdings nicht mehr und sollen durch qualitativ bessere mit größerem Durchmesser ersetzt werden.
Ich muss noch berichten, wie sehr ich die Bauleute bewundere, denen es gelungen ist, an einem Nadelöhr die Straße zu erweitern. Dieser Punkt war immer kritisch zu befahren, auf der einen Seite stehen die Häuser unmittelbar an der engen Straße und auf der anderen führt ein steiler Abhang direkt zum Fluss. Man musste bislang für die Passage eine kleine „Behelfsbrücke“ aus ein paar Baumstämmen passieren – keine leichte Aufgabe, besonders für Lastwagen. Mit der nun realisierten Lösung ist der kritische Engpass beseitigt. Afghanen waren schon immer erfinderisch im Lösen derartiger Probleme. Sie sind geschickte Handwerker, die mit einfachsten Mitteln zurecht kommen.
Beim Empfang im Hospital strahlen alle Gesichter. Ich freue mich unbändig. Blumen leuchten mir in der Herbstsonne entgegen. Ja, mein Platz ist bei diesen Menschen. Ein anderes Zuhause in diesem Andersland. Leider für einen längeren Aufenthalt nach wie vor zu gefährlich, da dies in einer Entführung mit Lösegelderpressung enden kann.

Nach der ersten Begrüßung berichtet der diensthabende Arzt über seine Nachtschicht. Dann kommen die Lehrerin und die Kinder unserer betriebsinternen Schule. Das ist ein Höhepunkt. Jedes Mädchen gleicht einer wunderschönen Blume, auch die drei Buben sind ausgesprochen schmuck. Das Herz geht auf, sie zu erleben. Stolz rechnet eine Elfjährige an der Tafel, eine andere liest flüssig vor. Zusammen singen sie die afghanische Nationalhymne.
Ich habe ihnen ein paar kleine Geschenke aus Deutschland mitgebracht und werde von den Schülern durch selbstgemalte Bilder belohnt. Es fällt mir schwer, mich von ihnen wieder zu lösen, um die Mitarbeiterinnen zu begrüßen – die erwachsenen Blumen. Ich empfinde es immer wieder als etwas Besonderes, dass wir in der Provinz 16 Frauen einstellen und beschäftigen können.
Jetzt trifft der Chak-Kommandant ein, um mich zu begrüßen, dann kommt auch der Polizeichef. Am nächsten Tag ein Schock: Der Chak-Kommandant, der mich begrüßte, wurde erschossen. Es wird mir berichtet, er sei Kameraden in einem anderen Distrikt, wo gekämpft wurde, zur Hilfe geeilt. Dies zur allgemeinen Sicherheitslage.

Ein Internist hatte vor einem Monat gekündigt. Glücklicherweise haben wir Ersatz gefunden, einen Arzt, der fünf Jahre Berufserfahrung in einem Hospital der Koreaner in der Nähe des US-Hauptstützpunktes Bagram gesammelt hat. Sein Krankenhaus wurde nach Beendigung des Fünfjahresvertrages geschlossen. Er macht einen ordentlichen Eindruck und soll am 1. Oktober anfangen.

Nach diesen diversen Begrüßungen besuche ich die verschiedenen Abteilungen. Ganz besonders gucke ich in die Ecken, das ist mein Monitoring. Die Mitarbeiter wollen mir zeigen, wie sie alles in Ordnung halten, wie gut das Depot aufgeräumt ist, wie fleißig sie arbeiten.

Im Impfzentrum weisen mich die Mitarbeiter darauf hin, wie nützlich die mit Solarenergie betriebene Kühltruhe ist.

Die nächste Station meines Rundgangs ist der Besuch der Kranken. Die Bedeutung des Hospitals wird einem hierbei durch die Patienten zu Herzen gehend vor Augen geführt. Mir fällt auf, wie viele kleine Kinder an Durchfall leiden und fiebrig und apathisch neben ihren sich sorgenden Müttern liegen.
Niemand kann die ganze Welt retten. Aber wir tun für das Hospital und mit ihm, was in unseren Möglichkeiten liegt. Wir leisten einen wesentlichen Beitrag zur medizinischen Versorgung. Chak ist ein gutes Projekt, und ich hoffe für die Menschen, dass es auf Dauer erhalten bleibt. Afghanistan, das Land am Hindukusch, hat jetzt 32 Millionen Einwohner, unsere Provinz Wardak eine halbe Million (wenn denn die Statistik stimmt…).

Im afghanischen Radio und Fernsehen (und auch selbst vom Botschafter) wird viel Propaganda dafür gemacht, dass die Menschen in ihrem Land bleiben sollen, und abschreckend wird aufgezeigt, was Flüchtlinge erwartet.
Nach dem ausführlichen Rundgang begrüßen mich unsere Männer im Speisesaal, wieder gibt es Blumen in herbstlichen Farben für mich.

Ich berichte von den vielen Spendern in Deutschland. Ich hebe das Gymnasium Oberhaching hervor, unseren „dienstältesten“ Spender. In der Schule bereiten sie den 25. Afghanistan-Tag vor, ein Jubiläum, an dem die ganze Schule zum Basar wird. Alle sind beteiligt, Lehrer, Schüler, Eltern, Freunde. Es soll wieder ein kleiner Marathon-Lauf durch die Stadt Oberhaching stattfinden, 6.600 Meter lang, die für die 6.358 km nach Afghanistan stehen. Die vordersten Läufer werden dabei die afghanische Flagge tragen. Am Abend gibt es den traditionellen Bunten Abend mit Musik, Tanz, Sketchen und auch mit externen Künstlern, alles mit Liebe, Freude, Kreativität vorbereitet: Ein großzügiges Geschenk für das Chak-e-Wardak-Hospital und seine Patienten durch die dabei erzielten Spenden.

Ich berichte unseren Mitarbeitern auch über die Probleme, die die Flüchtlingswelle nach Deutschland mit sich bringt. Sie hören aufmerksam zu. Ich sage ihnen, wie hoch die Spendenbereitschaft ist, wie sehr sich alle bemühen, durch ihre Zuwendungen die Existenz des Hospitals zu sichern, für die, die in ihrem Land verbleiben.

Durch meinen Kopf blitzte das Wort „armselig”. – Was steckt darin ? – Sind die Armen selig in ihrer Armut? – Ist Armut die Chance, im Leben nach dem Tod selig zu sein?

Letzter Programmpunkt ist unser gemeinsames Festessen, natürlich mit viel Fleisch, und zum Abschluss Tee mit Schokolade aus Deutschland. Mein Eindruck: Alle sind glücklich und zufrieden, der Tag ist rundum gelungen.

Auf dem Rückweg begegnet uns der Distriktgouverneur. Er ist in Zivil mit den Straßenbau-Ingenieuren unterwegs und überschlägt sich fast vor Dankbarkeit und Lob. Zwei Tage später erhalten wir die Nachricht, dass er schwer verunglückt ist und im Krankenhaus liegt.

Zitat aus dem Roman „Das neue Leben“ von Orhan Pamuk, ihm wurde 2006 der Nobelpreis für Literatur verliehen. (Ich bekam das Buch als Geschenk und möchte es gern weiter empfehlen.):
„Da sah ich mit Schrecken, dass sich die Welt um mich herum von A bis Z verwandelt hatte und verspürte eine bis dahin ungeahnte Einsamkeit. Ganz so, als sei ich allein geblieben in einem Land, dessen Sprache, Gewohnheiten und geographische Lage mir fremd waren.Die Ratlosigkeit, die aus dem Gefühl des Alleinseins...“

Diese Zeilen treffen mein Innerstes, ich vergleiche mein Leben in Afghanistan mit dem Leben in Deutschland und mit dem, was in der Welt vor sich geht.
In Kabul erledigen wir die Einkäufe für die nächsten sechs Monate. Wir besorgen, was man so alles auf Vorrat braucht, wie Putzmittel, Büromaterial, alles für den sanitären Bereich, für die Autos und den Generator zur Elektrizitätsversorgung. Das Einkaufen ist nerven- und zeitraubend, der Lärm, die Dichte des Verkehrs, das wuselige Gedränge überall.

Ein großer Posten sind wie immer die Medikamente und medizinischen Materialien. Seit der Talibanzeit lassen wir diese über eine Großhandelsapotheke in Kabul besorgen. Von deren Apotheker Nader war vor einem halben Jahr der Sohn entführt worden.

Holz wird in Gardez eingekauft, die nicht verderblichen Lebensmittel und Dieselöl in Ghazni. Eine erfreuliche Unterbrechung unserer geschäftigen Tätigkeit und mit viel Wiedersehensfreude verbunden ist das Treffen mit den „Schwestern” und den „Brüdern”. Gemeinsam mit Familie Schwittek haben wir einen Schlemmerabend mit den besten Kartoffelpuffern der Welt – eine wohlige Grundlage, um Gedanken miteinander auszutauschen.

Es besucht mich Ing. Mahmood, der während der ersten, schwierigsten Jahre unser Administrator in Chak war. Mit ihm hatte ich die meisten Reisen zwischen Afghanistan und Pakistan gemacht, meistens illegal, sozusagen Kriegsfahrten. In diesen Jahren reisten wir grundsätzlich in Begleitung eines Bewaffneten. Im Kreis seiner Familie schrieb ich auch mein erstes Buch. Ing. Mahmood arbeitete beim Flüchtlingshilfswerk UNHCR, einer der Söhne bei der Regierung. Seit sechs Jahren kann er nicht mehr in sein Heimatdorf, weil er damit rechnen muss, gekidnappt oder gar getötet zu werden. Er erhielt Drohungen und hat aus diesen Gründen seine Familie in die Türkei umgesiedelt.

Unsere Großeinkäufe tätigen wir seit langem in Ghazni. Das Zentrum, der Ghazni-Basar, ist übersichtlich und die Preise sind nicht so verdorben wie in Kabul. Ich kenne die Stadt seit 1992 recht gut. Es ist ein sehr alter, historisch wichtiger Ort. Vor den Kriegen fanden dort Ausgrabungen statt, es fanden sich Denkmäler aus dem 5. Jahrhundert, der buddhistischen Zeit, wie Füße von Buddha im Nirwana. Für mich war Ghazni immer ein besonders erfreulicher Ausflug, weil wir dahin nicht über die Hauptstraße, sondern fünf Stunden über die Dörfer durch eine wunderbare Landschaft fuhren.

Ghazni ist auch berühmt für seine Weintrauben und roten Rosinen. Nur von dort kann ich eine spezielle Rosinengewürzmischung nach Deutschland bringen. Es gibt dort auch viele Herden von Fettschwanz-Schafen. Das berühmte Lokalgericht ist “Karaie”. Es besteht aus Schafshackfleisch mit gegrillten Schafsfleischbrocken (Kabab) und ist mit gekochtem, ziemlich fettem Schafsfleisch gemischt – das Ganze in gut gewürzter Soße. Darüber kommt ein Spiegelei. Traditionell wurden wir von dem Dieselölhändler mit “Karaie” bewirtet. Dieser Geschäftsmann, Hajji Abdul Satar, ist ein besonders sympathischer Mann, dessen Sohn leider vor einem Jahr entführt wurde und der mit seinen Brüdern das Dieselgeschäft betreibt.

Zum „Id“ rufe ich Hajji Abdul Satar an und gratuliere. Die Freude, voneinander zu hören, ist auf beiden Seiten groß. Er will mich besuchen und fragt nach afghanischer Sitte, ob ich mir etwas aus Ghazni wünsche. Ich zögere, aber wegen der guten Erinnerungen bitte ich am Ende doch um “Karaie” und Rosinen. Leider konnte er an dem vereinbarten Tag nicht kommen, da der Sohn seines Bruders durch einen Gasunfall tödlich verunglückte. Gasunfälle passieren häufig, denn es wird oft auf Gas aus Gasflaschen gekocht. Der Umgang damit ist gefährlich, wir haben häufig Patienten, die durch Gasexplosionen schwerste Verbrennungen erlitten. Hajji Abdul Satar schickte trotzdem mit einem Fahrer einen Topf mit Karaie und auch Rosinen nach Kabul der Genuss war allerdings durch den Trauerfall getrübt. So geht das Leben auf der einen Seite einher mit dem Tod auf der anderen.

Ursprünglich wurde das Gehalt der Mitarbeiter des Impfzentrums auf dem Hospitalgelände zur Hälfe von Swedish Committee bezahlt. Vor zwei Jahren teilte man uns mit, dass man sich dies nicht mehr leisten könne. Um das wichtige Impfzentrum nicht schließen zu müssen blieb uns nichts anderes übrig, als die Gehälter komplett zu übernehmen. Und nun kam auch noch die Mitteilung, dass das Gehalt unseres Physiotherapeuten das bisher  aus dem Programm CDAP (Comprehensiv Disabled People) in Ghazni übernommen wurde, zukünftig nicht mehr bezahlt wird, der Vertrag läuft Ende des Jahres aus. Also müssen wir auch noch dessen Gehalt übernehmen, damit diese Abteilung weitergeführt werden kann.

Es ist erstaunlich, mit welcher Geduld die Afghanen jeden Tag neue Hoffnung leben, es ist ihre große Stärke –meine leider nicht. In nun schon seit 40 Jahren ununterbrochenem Krieg haben sie lernen müssen, sich mit der jeweiligen Situation zu arrangieren. Nach ihrer Lebensweisheit gilt: “Über jeden Berg gibt es einen Weg.” Auch für mich gilt das nun schon seit 25 Jahren.

 

 Kabul, April 2015

Privater Bericht von Karla Schefter

Meinem neuen Frühjahrs-Arbeitsaufenthalt in Kabul hatte ich zuerst mit Bangen, dann aber auch mit Zuversicht entgegengesehen. Ende des Jahres hatten die allermeisten NATO-Truppen einschließlich der Deutschen das Land verlassen. Welche anderen NGOs würden noch in Kabul verblieben sein?
Die Route über Peschawar nach Kabul war mir versperrt. Deshalb führte mich der Weg von Düsseldorf mit einer Zwischenlandung in Dubai direkt nach Kabul. Der Abflug von Düsseldorf, planmäßig für 21:25 Uhr vorgesehen, wurde zu einem kleinen Drama, denn die einfliegende Maschine war wegen eines heftigen Sturms über Deutschland arg verspätet gelandet. Wir Passagiere warteten mit Bangen, weil uns drohte, wegen des Nachtflugverbots (22 bis 6 Uhr) über Düsseldorf erst am folgenden Morgen starten zu können. Wer nach 22 Uhr starten will, braucht eine Sondergenehmigung und ja, sie wurde erteilt. Reinigungspersonal und Catering hatten nach der Landung mit Hochdruck gearbeitet, das Personal unserer Fluglinie Emirates informierte laufend über die Lage. Beim Einstieg allseits Erleichterung, sogar Lächeln. Wütend hatte der Sturm einmal mehr klargemacht, dass wir kleinen Menschlein trotz der Technik den Mächten des Himmels ausgeliefert sind.

Kabul empfing mich mit regnerisch kühlem Wetter. Das Wasser stand auf den Straßen, hinterließ Matsch, da musste man durch ohne auszurutschen – wie durch die Kabuler Bürokratie, durch die ich immer wieder durch muss. Freudige Begrüßung durch Mitarbeiter von Hospital und Kabul Office. Begrüßt auch von strahlendem Gelb, Forsythien als Sonnenersatz. Das Zimmer geputzt, Bett bezogen, wilde rote Tulpen bringen den Frühling in den Raum.
Wir hatten leider unsere Kontaktstelle in Peschawar aufgeben müssen. Diese Entscheidung fiel vor einigen Wochen. Meine Privatsachen wurden nach Kabul gebracht. Das Buchhaltungssystem, nebst Computer etc. mussten unter erschwerten Bedingungen ebenfalls über die Grenze nach Kabul gebracht werden. Meine Hauptsorge war, ob die beiden zuverlässigen Kontaktpersonen weiter für uns arbeiten könnten. Es sind Vater und Sohn. Ich bin froh, dass uns die beiden Mitarbeiter erhalten bleiben. Sohn Abdul Waheed, 28 Jahre alt, hat gerade sein Studium in Peschawar abgeschlossen. Er ist gut im Englischen und im Umgang mit dem Computer, er kennt unser Abrechnungssystem. Vater Abdul Latif ist ebenfalls sehr tüchtig, arbeitet schon mehr als 17 Jahre mit uns, vorher auch für Dr. Joch und Dr. Schwittek.Vater und Sohn arbeiten respektvoll miteinander, beide sind Afghanen, die vor 25 Jahren nach Pakistan geflüchtet waren. Jetzt sind sie mit der Familie in ihre Heimat zurückgekehrt. Pakistan behandelt die afghanischen Flüchtlinge von Jahr zu Jahr schlechter, es möchte möglichst alle nach Afghanistan zurückdrängen.
Um möglichst sparsam zu wirtschaften, bleibe ich in Kabul in der Unterkunft, die ich von einer befreundeten Organisation gemietet habe: Zwei kleine Räume, einer mein „Residenz“, der andere für die Afghanen, die während meiner Kabul-Aufenthalte aus Chak kommen. Diesen können wir bis auf weiteres als Büro einrichten und nutzen. Dazu gehört auch die Möglichkeit der Internetnutzung, die wir bisher in Kabul vermisst haben.
Mit Abdul Waheed und seinem Vater als Verstärkung in Kabul werden die Aufgaben teilweise anders verteilt. Chak wird einige Arbeiten an Kabul abgeben, und für die Zukunft werden wir auch unseren dritten, jungen, neuen Administrator, mehr in die in Kabul zu erledigenden Arbeiten einführen.
“Über jeden Berg gibt es einen Weg.“


Ostern in Kabul

Nach meiner Ankunft in Kabul war Ostern – im muslimischen Afghanistan unbekannt, Arbeitsalltag. Eine Ausnahme waren “Die Brüder”, eine evangelische Christusträger-Bruderschaft. Sie sind seit über 40 Jahren in Afghanistan und luden zur Andacht und anschließendem Osterfrühstück ein: Die „Schwestern” (zwei katholische Nonnen, seit 40 Jahren in Afghanistan), Herrn und Frau Schwittek und mich. Der Tisch ist reich gedeckt, auch mit bunt gefärbten Eiern, Mandelblüten, wir sind in Festtagsstimmung. Schwester Sybilla betreut 50 geistig behinderte Frauen (für sie habe ich wie immer gespendete Buntstifte mitgebracht). Sie schenkten mir einen Osterstrauß besonderer Art. Gemalte Herzen, Sonnenblumen und andere Blumen, ausgeschnitten und an frisch knospenden Zweigen aufgehängt. Glücklich genießen wir die österliche Atmosphäre.

Bankgeschäfte

Dann wieder der Alltag. Es muss Geld von der Bank abgehoben werden, die Ermächtigungen dazu müssen auf die beiden „neuen“ aus Peschawar zurückgekehrten Mitarbeiter erweitert werden. Es ist noch komplizierter als ohnehin schon erwartet. Zwei der Chak-Administratoren dürfen nur gemeinsam eine fest gelegte Summe für die laufenden Kosten und Gehaltsauszahlungen abheben.

Kabul dagegen hat eine eigene Kostenstelle, dementsprechend bedarf es einer eigenen Ermächtigung zur Geldabhebung. Unsere Anträge reichten dazu nicht aus. In der Bank erklärte man, die beiden Neuen seien bei ihnen nicht bekannt, wir sollten einen Brief vom Ministerium für Wirtschaft und Plan vorlegen, dass sie auf unserer Gehaltsliste stehen und vertrauenswürdig sind. Wir formulierten einen Antrag. Donnerstags und freitags arbeiten die Ministerien nicht, also ein erneuter Anlauf am Samstag. Der Vorgang läuft nun bereits schon über eine Woche. Am Samstag ist der Direktor für die benötigte Unterschrift nicht da, kommt Sonntag wieder. Jede Fahrt ist sehr zeitaufwendig durch die ständig verstopften Straßen. Schließlich kommt die Zustimmung des Ministeriums, jetzt zur Bank, erneut ein großer Zeitaufwand. Wegen dieser stetigen Komplikationen, beispielsweise, hatte die Familie bei der wir unsere Unterkunft haben, den Versuch aufgegeben, ein weiteres Konto zu eröffnen.
Leider war ein Fehler im Brief, also Dienstag erneuter Vorstoß. Schließlich konnten die beiden Autorisierten aus Chak Geld abheben, der neue Abdul Latif immer noch nicht. Mit Glück wird der Vorgang am Samstag abgeschlossen, also nach 2 ½ Wochen mit vielen Gängen zu Ministerium und Bank. Am Samstag dann nochmals zwei Stunden warten auf den Bescheid, sie hätten den Vorgang noch nicht fertig, er kommt nachmittags. Glücklich bejubelten wir den Abschluss. Leider musste ich feststellen, dass auf der Auflistung der Autorisierungen der Name unseres Vorsitzenden falsch geschrieben war. Am nächsten Tag also erneut zur Bank zur Korrektur.
“Schritt für Schritt”


Geburtstag

Meinen Geburtstag hatte ich seit langer Zeit wieder mit lieben Freunden in Dortmund feiern können, mit einer wunderbaren Käsetorte. In Kabul hatte ich noch zwei Nachfeiern: Zuerst mit dem Chak-Personal. Für sie hatte ich aus Deutschland einen prächtigen großen Kuchen mit viel Mandeln, Rosinen und guter Butter mitgebracht. Eine Woche später ein Abend mit “den Schwestern“, “den Brüdern“ und mit den beiden Schwitteks. Das Geschenk für mich waren Reibekuchen mit Apfelmus, kleine Kerzen aus Japan, die Sterne sprühten. Bei so vielen guten Wünschen muss ja alles gut laufen.


Chak

Am Freitag, 10. April, sollten alle Mitarbeiter aus Chak nach Kabul anreisen, schon von Deutschland aus hatte ich mitgeteilt, wer wann in Kabul sein sollte. Vollkommen überrascht bin ich, als mir unser Administrator Ghulam Moh. sagt, ich könne nach Chak kommen, es sei sicher. In großer Freude bestimmen wir den übernächsten Tag für die Reise, alle aus Kabul wollen mich begleiten. Um sechs Uhr morgens fahren wir in zwei Autos aus der Stadt hinaus, in prächtiger Stimmung, wie in einem Siegeszug. Die Straßen sind noch leer, wir kommen gut durch. Durch den großen Checkpost Argande, dem Provinzzentrum Maidan Shah vorgelagert, werden wir einfach durchgewinkt.

An der Hauptstraße Kabul-Ghazni sind die ausgebrannten LKWs weggeräumt. Nach wie vor finden ein bis zweimal in der Woche Anschläge auf dieser Strecke statt. Wir verlassen die Dunstglocke Kabuls, saugen unsere Lungen voll mit frischer Bergluft, die fast euphorisierend wirkt. Die Berge sind noch schneebedeckt, aber die Aprikosenbäume blühen schon. Das Herz geht auf, es passt sich der Weite der Landschaft an. Fast wie im Rausch biegen wir von der Hauptstraße ab in Richtung Chak. Ich begrüße jedes Tal und stelle es den „Pakistan-Afghanen“ vor, besonders aber Abdul Waheed. Abdul Latif war früher schon einige Male zu Jubiläumsfeiern zum Hospital mit Gästen aus Deutschland angereist. Für Abdul Waheed, obwohl Afghane, war es das erste Mal. Auf einmal – überraschend – ein Militärtross, mit dem Distrikt-Chef und dem Kommandanten. Sie wollen uns empfangen. Unsere Leute hatten ihnen Bescheid geben müssen, sonst hätte es den Vorwurf gegeben, warum man nicht informiert hätte.

Die Begrüßung war herzlich und fröhlich, unter den Augen der neugierigen Soldaten. Sicher es ging um die Sicherheit, aber auch um eine Tradition. Es war immer Sitte, Gästen entgegen zu gehen, sie abzuholen wenn es z. B. eine Essenseinladung gab. Es kam der Hausherr oder wenigstens ein Sohn. Nach der Einladung wurde ebenfalls Geleit gegeben, wenn man nicht sogar übernachtete, wenn es abends stattfand. Zur Übernachtung aufgefordert wird man immer. Das habe ich über Jahre sehr zu schätzen gelernt, dass es immer selbstverständlich und unkompliziert war. In jedem traditionellen Haus war der schönste Raum das Gastzimmer. Dort aß man, dort schlief man.

Begleitet von Distrikt-Chef und Kommandant erreichen wir das Hospital. Chak ist mein Platz, die Menschen, die Natur. Es war Abdul Waheed anzumerken, dass er begeistert war, sich in der Gemeinschaft gut fühlte. Ich ließ ihn alles besichtigen, damit auch er stolz sein sollte auf unser Hospital.

Ich nehme am “Morning Report” teil. Als erstes berichtet der Nachtdienst habende Arzt über Vorfälle in der Nacht. Eine Patientin war aus dem zwei Stunden entfernten Dörfchen Nikpeikol gekommen, wie alle Aufnahmen im Registerbuch dokumentiert. Um den weiteren Routinebetrieb (gemeinsame Visite, Versorgung der ambulanten Patienten) nicht zu stören, besuche ich danach unsere Krankenhaus-Schule. Mit Stolz wird mir fließend vorgelesen, die Kinder malen mit den gespendeten Buntstiften. Ruhig gibt die Lehrerin ihre Anweisungen, die Kinder folgen flink. Es ist eine Freude, dabei zu sein, besonders die kleinen Mädchen zu beobachten. Es sind Kinder zwischen fünf und 13 Jahren. Wie früher auch bei uns in der Dorfschule. Gleichzeitig ist es auch Kindergarten. Sie sind zurückhaltend, ohne schüchtern zu sein, sie sind mit Eifer bei der Sache. Gespendete Süßigkeiten lassen die Augen aufleuchten. Der Lehrerin übergebe ich für spätere Stunden buntes Papier, Aufkleber. Alles aus Spenden. Es fällt mir schwer, mich von ihnen zu trennen. Inzwischen warten die Hospital-Frauen auf mich. 16 Frauen beschäftigen wir im Betrieb, zuständig für die weiblichen Patienten und den Kinderbereich. Für das ländliche Afghanistan ist das eine beträchtliche Frauenquote, aber schließlich sind drei von vier Patienten Frauen und Kinder.

Auch dieses Jahr kann ich dank großzügiger Spenden jeder Mitarbeiterin eine Geschenktüte überreichen, mit Buntstiften für ihre Kinder, Socken (ein Statussymbol), Kosmetika, Lippenstiften, Seife, Kunstschmuck – ein Vielerlei an kleinen Aufmerksamkeiten, um die Verbundenheit mit Afghanistan auszudrücken. Zum gemeinsamen Tee gibt es Schokolade, Süßigkeiten und Kekse aus Deutschland. Mir wird gesagt, dass der Distrikt-Chef und der Kommandant in meinem Büro auf mich warten. Sie wollen mir einen Höflichkeitsbesuch machen. Der Distrikt-Chef hält mir eine Lobrede. Er hat sich mit Orden geschmückt. Er hat ein gutes Gesicht - es stellt sich heraus, dass er aus Chak stammt und mich seit 25 Jahren kennt. Das ist für uns natürlich ungeheuer wichtig, weil hilfreich. Nach afghanischer Sitte bringt man gern ein Kleidungsstück als Gastgeschenk mit, und so überreicht der Kommandant mir einen afghanischen Kopfschleier.

Nach Verabschiedung der beiden Honoratioren mache ich mit Abdul Latif und seinem Vater noch einen kleinen Schlenker zum Basar und zum Damm. Weiter können wir uns nicht vorwagen, weiter könnte es gefährlich werden. Die Taliban sind in der Gegend verdrängt, aber nicht beseitigt. Wir dürfen uns keine Illusionen machen. Es ist schön, dass die von der Hauptstraße Kabul – Ghazni abzweigende Landstraße, die nach Chak führt, „befreit“ ist, aber links und rechts in den Bergen ist Taliban-Gebiet, und schon bald wird mit einer neuen Frühjahrsoffensive gerechnet. Zu fürchten sind vor allem die Krimminellen, Kidnapping. In den letzten sechs Jahren sind elf ausländische und mir Bekannte gekidnapped, erschossen, ermordet worden. Wenn dies mit Afghanen passiert, kommt es gar nicht erst in die Presse. Aber auch da sind mir mehrere dieser Vorfälle bekannt, wie z. B. der Sohn unseres Röntgentechnikers.

Nach unserem kleinen Ausflug begrüße ich die männlichen Angestellten. Auch sie erhalten Geschenktüten, sie sind für ihre Frauen und Kinder bestimmt. Die Gummibärchen erwecken Neugierde. Einmal habe ich in einem Flüchtlingslager erlebt, dass Gummibärchen abgelehnt wurden, sie sähen wie Schweinchen aus. Ich erfuhr erst jetzt, dass es nicht ratsam ist sie anzubieten, da Gelantine (auch) aus Schweinsknochen hergestellt wird.

Zum gemeinsamen Festessen gibt es zartes Schafsfleisch, Grünzeug und Obst. Ich beobachte die schöne Sitte, dem Sitznachbarn beim Essen aufzugeben, oder auch übrig gebliebene Mandarinen zuzustecken. Danach treten wir dieRückreise nach Kabul an, glücklich und zufrieden mit unserem Besuch.


Steuern

Das afghanische Finanzministerium verlangt, dass wir für die letzten sechs Jahre Steuern nachzahlen, andernfalls würde das Hospital geschlossen – eine schockierende Nachricht, die wir im Februar erhielten. Von der Deutschen Botschaft waren wir allerdings schon vor längerem unterrichtet worden, dass NGOs für ihre afghanischen Angestellten Lohnsteuern sowie bei größeren Anschaffungen auch Mehrwertsteuern zahlen müssen. In Kabul zahlen die NGOs schon seit langem. So führt beispielsweise Bruder Jacques, der eine Ambulanzklinik betreibt, jedes Jahr zwischen 25.000-30.000 Euro an Steuern ab.

Seit Jahren müssen wir dem Ministerium für Wirtschaft und Plan einen halbjährlichen Finanzbericht vorlegen, in dem Zahlungseingänge und -ausgänge belegt werden. Nach Prüfung wird die Arbeitsgenehmigung erteilt. Auf den zuletzt im Februar vorgelegten Finanzbericht erhielten wir die dann die Nachricht, dass Steuern nachbezahlt werden müssen. Schlaflose Nächte, wie könnten wir uns wehren, was war zu tun? Ich zog zunächst Erkundigungen über die vom Finanzministerium geübte Praxis ein. Die Mitarbeiter erhielten Auftrag, im Finanzministerium vorzusprechen, auch im Provinzenzentrum. Telefongespräche, Emails, hin und her. Das Ziel: Ausnahmen erwirken, auf Verzicht auf Forderungen aus der Vergangenheit hinwirken, wenigstens Ratenzahlungen vereinbaren. Die Lohnsteuern richten sich natürlich nach dem Gehalt, das bei dem medizinischen Personal wegen wechselnder Bereitschaftsdienste jeden Monat unterschiedlich ist. Das war für die letzten sechs Jahre nachzurechnen und aufzulisten.

Die Mehrwertsteuer bei größeren Anschaffungen oder Einkäufen richtet sich auch nach dem Endbetrag. Um MwSt. zu sparen, gibt es die Möglichkeit, bei solchen Händlern einzukaufen, die bei der Regierung registriert sind. Sie müssen nur zwei Prozent abführen, bei nicht registrierten Händlern sind es sieben Prozent. Bei der Apotheke in Kabul zum Beispiel, bei der wir seit vielen Jahren einkaufen, zahlen wir zwei Prozent MwSt. Nach Aushandlung aber vergütet die Apotheke diese an uns zurück.

Ein Team also fuhr nach Maidan Shar, um mit den Zuständigen vom Provinzzentrum zu verhandeln. Sie kamen erst am Nachmittag wieder, weil die Straße blockiert war. Aber sie hatten anscheinend gute Nachrichten. Die Prüfung war zufriedenstellend ausgefallen. Man werde uns noch Bescheid geben. Das hellte unsere Stimmung etwas auf. Woher das Wohlwollen? Um das zu verstehen, muss man die afghanische Gesellschaft kennen. Nicht abstrakte Paragraphen herrschen da, sondern Menschen. Und Netzwerke. Die muss man sich zu Nutze machen. Für Afghanen kommen zuerst Familie, Sippe, Stamm. Zugehörigkeit verpflichtet zu Hilfe und Unterstützung. Das sichert Überleben in schwieriger Zeit. Da hilft auch schon, wenn man dieselbe Schule besucht hat oder mit einem Mitstudenten befreundet war. Immer wieder wundere und freue ich mich, wie effizient so ein Netzwerk von Verbindungen und Beziehungen funktioniert, vergleichbar einem Spinnennetz. In der Mitte die Aufgabe, das Problem. Die Fäden werden von einem Punkt zum anderen geleitet und gesponnen… Verwandten, auch entfernten Verwandten, muss man unter allen Umständen helfen. Vor einiger Zeit kam zum Beispiel heraus, dass die Gesundheitsministerin einige ihrer Verwandten auf der Gehaltsliste mit 6.000 Dollar führte, die aber nie gearbeitet hatten.

Mit dem Finanzministerium verhandeln? Ja kenntman da jemanden, der aus Wardak stammt? Mohamadullah soll mit nach Maidan Shar fahren, einer der Zuständigen ist ein Klassenkamerad von ihm. Abdul Waheeds Verlobte in Kabul ist eine entfernte Verwandte des neuen Präsidenten Ashraf Ghani. Sie stellte Kontakt zu einer Frau her, die im Frauenministerium arbeitet und eine Verbindung mit der Ehefrau von Ashraf Ghani hat. Diese Kontaktperson versprach, sich für uns einzusetzen. Aber nach ein paar Tagen kam der Bescheid, dass man nichts für uns tun könne. Die Frau rief mich nicht direkt an, sondern ließ es ausrichten.

Wir bemühen uns weiter, wir gehen alle denkbaren Wege. Die Mitarbeiter sind zäh, sie haben sich festgebissen, die berühmte Hartnäckigkeit der Afghanen kommt zum Zuge. Bei anderen Gelegenheiten kann das leider auch sehr nervig sein. Jetzt hieß es, der Direktor der Technischen Universität habe Zutritt zum Präsidenten, er sei aus Wardak und wolle versuchen uns zu helfen. Ein Treffen wurde vereinbart. Durch eine Straßenblockade kam der Direktor mit seiner Frau eine Stunde verspätet. Sie waren einen Teil zu Fuß gegangen, was sicherlich nicht so einfach war, da sie ständig von Bewaffneten geschützt werden mussten. Das ältere Ehepaar lebte zuvor in den USA. Beide waren sehr sympathisch, es gab eine besonders herzliche Begrüßung. Der Direktor sagte zu, sich beim Provinzgouverneur um Zahlungsaufschub zu bemühen. Im Ministerium stünde ein Ministerwechsel an, den neuen Minister wollte man bitten, uns die Steuern zu erlassen, jedenfalls eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen.

Wir hatten erneut einen Termin im Ministerium für Wirtschaft und Plan. Ergebnis: Wir müssen bis Ende April beim Finanzministerium zahlen. Für jeden Tag Zahlungsverzug entstünden Aufschläge. Es wird Bareinzahlung gefordert, Banktransfer gibt es nicht. Das teilten wir dem Direktor der Technischen Universität mit. Er habe viel herum telefoniert, leider ohne Ergebnis, wir müssten zahlen, er könne uns keine Hoffnungen machen. So ist es immer besser, keine Erwartungen zu haben, aber trotzdem nichts unversucht zu lassen.

Das Provinzzentrum war mit unseren Zusammenstellungen zufrieden, das prüfende Ministerium in Kabul aber nicht, es verlangte eine erneute Überarbeitung. Es solle ein Termin in Kabul vereinbart werden, außerhalb der Dienstzeit. Der Verantwortliche aus Maidan Shar, der Zuständige vom Ministerium und die Hospitalmitarbeiter werden daran arbeiten, auf einen Nenner zu kommen. Nur so geht es, denn schließlich steht am Ende das Audit, die Arbeitsgenehmigung.

Zwischendurch erhole ich mich beim Anblick des Forsythienstrauchs, der inzwischen mehr grün als golden ist. Das Wetter ist jetzt so warm, dass man Tag für Tag beobachten kann, wie sich die Knospen und Blätter immer mehr entfalten. (Gut, dass ich noch Schokolade und Süßigkeiten aus Deutschland habe, Nervennahrung, um die vielen Besprechungen zu überstehen.)
Vor zwei Wochen habe ich alle zum Essen in das Türkische Restaurant in Kabul eingeladen. Bis jetzt gilt es noch als relativ sicher, Ausländer besuchen es selten. Eine Freundin hatte das Geld für diesen Zweck gespendet. Ich selbst wollte aber wegen meiner schmerzenden Knie nicht mitgehen. Matiullah bettelte, ich müsste mitkommen, ohne mich würde es ihnen nicht schmecken, ich könnte doch langsam gehen. Es rührte mich, also ging ich ihretwegen dann doch mit.

Das große Treffen zwischen Maidan Shar, Ministerium und uns fand schließlich statt und es wurde klar, dass die Regeln des Ministeriums maßgeblich waren, und Maidan Shar das akzeptieren muss. Zurück kamen wir mit einem Stapel von Formblättern, die für jeden Mitarbeiter ausgefüllt werden müssen. Erst dann wird die Endkalkulation stattfinden können. Die problematischen Aufgaben liefen alle parallel, „aufgelockert“ nur, indem durch Hagel das Internet nicht funktionierte, und manchmal die Telefonstationen in Chak abgestellt waren oder die Elektrizität ausfiel.

Inzwischen sind über die Arbeiten fast drei Wochen vergangen. Es wurden erst nur Kopien der Formblätter ausgefüllt, danach im Ministerium gezeigt, ob es so recht ist. Über zwei Stunden Wartezeit, da der Zuständige in einer Versammlung war. Schließlich ließ er ausrichten, wir sollen am nächsten Tag kommen, da er uns leider nicht treffen könne. Nach Prüfung am nächsten Tag müssen erneut Korrekturen vorgenommen werden. Eine weitere, große und unverständliche Komplikation ist dass die gesamten Kalkulationen nach dem islamischen Kalender aufgelistet werden müssen. Der Kalender zählt von 1394, als Prophet Muhammad  von Mekka nach Medina wechselte. D.h. zwei Ausführungen, eine für Deutschland, das Audit westlich, um es nachvollziehen zu können, eine für Afghanistan. Es wird noch Zeit dauern, um diesen Prozess zum guten Abschluss zu bringen.

Sind unsere Ausarbeitungen abgegeben, tritt eine Kommission zur Prüfung zusammen. Erst dann wird die endgültige Summe der Nachzahlung feststehen. Der Staat braucht Geld, die Regierungsangestellten, die Polizei, die afghan. Soldaten wollen bezahlt werden. Diese Mühsal ertragen wir, da zuviele Menschen von dem Hospital abhängig sind: Es sind die Patienten, die Mitarbeiter und ihre Großfamilien.


“Weil es um die Menschen geht”


 

Kabul, April 2014

Privater Bericht von Karla Schefter


Es geht wieder einmal nichts? Es fehlt an allen Ecken und Enden? Nein, wir lassen uns nicht einschüchtern, wir lassen uns nicht unterkriegen, wir halten durch, wir kriegen das hin. Wir wissen ja, dass Afghanistan ein schwieriges Land ist. Da sind wir geübt, Hürden zu übersteigen oder sie links liegen zu lassen und weiter zu machen, nach vorne zu schauen. Wir halten an unserem Wardak-Krankenhaus fest. Ein starkes Komitee im Rücken, mit vielen Helfern, vielen Spendern, das schaffen wir.

So habe ich mir auf dieser Frühjahrsreise nach Kabul Mut gemacht. In Kabul finde ich eine angstvolle Spannung vor. Am 5. April soll die Wahl des Staatspräsidenten stattfinden. Karzai bewirbt sich nicht wieder, acht Bewerber kämpfen um seine Nachfolge. Die Taliban sind gegen die Wahlen, bedrohen jeden mit dem Tode, der wählen gehen will. Viele trotzen den Taliban und gehen zur Wahl, auch tapfere Frauen. Wie viele es wirklich sind, was an den von den Interessengruppen verbreiteten Meldungen stimmt, auch wie die Verhältnisse auf dem weiten Land im Gegensatz zur Hauptstadt Kabul sind, das werden wir erst später erfahren. Am 28. Mai soll noch eine Stichwahl stattfinden, falls am ersten Wahltag keiner der Kandidaten 50 % der Stimmen erhält. Wird der Ausgang der Wahl auch unser Projekt beeinflussen? Kaum.

Schon Wochen vor meiner Abreise nach Afghanistan hatte ich diesbezüglich regen Austausch mit Chak. Weil wir damit rechnen, dass in dieser aufgewühlten Wahlzeit mehr Attentate, Straßenblockaden, Demonstrationen stattfinden, gilt es, Vorräte anzulegen. Früher als sonst haben wir für sechs Monate Holz, Dieselöl beschafft, dazu nicht verderbliche Nahrungsmittel wie Reis, Öl, Bohnen, Linsen, Tee, Mehl, auch Medikamente und anderen Krankenhausbedarf.

Seit langer Zeit, ja schon seit 1992 kaufen wir vieles in Ghazni ein. Der Basar ist kleiner und übersichtlicher als in Kabul, die Händler ehrlicher, die Preise nicht durch die vielen internationalen Organisationen und andere große Abnehmer hochgetrieben. Der Transport allerdings ist schwierig. Für die LKW-Fahrer ist die Fahrt nach Chak mühsam, auch gefährlich. Der Weg führt streckenweise über die Hauptstraße Ghazni – Kabul, das Holz wird von Gardez über Kabul nach Chak transportiert, die Medikamente über Jalalabad – Kabul nach Chak. Die Straßen sind häufig gesperrt, auf jeden Fall werden die Wagen auf das gründlichste auf Sprengstoff untersucht. Deshalb sollten die Einkäufe vor den erwarteten Wahlunruhen erledigt werden. Die Trucks haben Chak sicher erreicht. Andere Einkäufe wie von Büromaterialien, Elektrizitätsteilen, das Drucken der diversen med. Formblätter etc. konnten auch getätigt werden, teilweise mit Behinderungen durch Straßenabsperrungen. So ist das Hospital gut auf unruhige Zeiten vorbereitet.

In Kabul ist es meine Hauptaufgabe, Personalprobleme zu regeln und das Betriebsgeld bei der Bank zu beschaffen. Wir können zwei neue tüchtige Hebammen gewinnen. Ihr Vater, der sie bei den Gesprächen begleitet, will ebenfalls eingestellt werden. Das geht natürlich nicht. Er säße ja nur herum. Die anderen Frauen kommen ja auch ohne männliche Begleitung im Hospitalauto.

Die von uns sehr geschätzte Zahnarzthelferin Wasima, eine Witwe, bittet darum, den nächsten Hebammenkurs besuchen zu dürfen. Die Ausbildung dauert zwei Jahre. Selbstverständlich fördere ich das. Aber wie es sich bei uns bewährt hat, muss sie vorher für eine Nachfolgerin sorgen. Dr. Anisa, die Zahnärztin, wird diese anlernen, erst dann kann Wasima ihre Ausbildung zur Hebamme machen.

Leider hat Redi Gul, der Röntgentechniker, seine Arbeit wegen eines Schlaganfalls einstellen müssen. Das hat mich sehr getroffen, Er war seit 1994 bei uns, immer zur Stelle und beliebt dazu, auch durch seine Späße – wichtig für das gute Betriebsklima. Dazu machte er den Fremdenführer, wenn wir – in den guten Zeiten - auswärtige Besucher hatten.

Gott seid Dank haben wir seit zwei Jahren einen jungen, tüchtigen Röntgentechniker. Für die freie Stelle fanden sich zwei Kandidaten ein. Wir entschieden uns für den etwas älteren, der andere war mit seiner Ausbildung noch nicht ganz fertig.

Natürlich legen wir darauf Wert, dass sich unser Personal ständig weiterbildet. So wird jede Woche ein typisches Krankheitsbild ausgesucht, einer der Ärzte beschäftigt sich damit gründlich und erklärt es dann dem übrigen medizinischen Personal.Internist Dr. Fazel Bari und Krankenpfleger Moh. Fahim haben im Indira Gandhi Hospital in Kabul an einem Kurs für die Versorgung von unterernährten Kindern teilgenommen. Laborant Abdullah und Krankenpfleger Eid Gul besuchten einen einwöchigen Kurs über Bluttransfusionen in der zentralen Blutbank in Kabul. Zu solchen Kursen lädt das afghanische Gesundheitsministerium ein, natürlich finanziert mit dem Geld internationaler Organisationen.

In Chak haben wir keine Blutbank. Braucht ein Patient Blut, sind die Laboranten und Ärzte in der Lage, die Blutgruppe zu bestimmen und die Blutübertragung direkt zwischen Spender und Patienten vorzunehmen. Wir haben im Krankenhaus auch eine Liste der Mitarbeiter, die in Notfällen spendebereit sind.

Wir haben wieder die Fragebögen des Ministeriums für Wirtschaft und Planung ausgefüllt, in denen über Einnahmen und Ausgaben des Krankenhauses mit allen Unterlagen Rechnung geführt wird. Das muss jedes Halbjahr erfolgen. Das Ministerium prüft dabei auch die Eingänge auf der Bank in Kabul. So soll gesichert werden, dass in Afghanistan eingehendes Geld auch am Ort für das Hospital verwendet wird. Ist alles zufriedenstellend, wird die Arbeitsgenehmigung verlängert. Gott sei Dank hatten wir keine Schwierigkeiten, wie immer stimmte alles, doch ist die Arbeit zeitraubend und nervig. Im Ministerium haben sie verstanden, dass bei uns eben nichts zu holen ist.

Wir halten weiter engen Kontakt zum I.C.R.C., dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz.
Bei meinen Aufenthalten treffe ich mich immer mit den zuständigen afghanischen und ausländischen Führungskräften. Selbst sie mit ihren internationalen Vorrechten kommen nicht ins Innere mancher Provinzen. Auch daran kann man ablesen, wie besonders unser Hospital ist, dass es von beiden verfeindeten Seiten respektiert und in Ruhe gelassen wird. Wir führen das einzige gut funktionierende Hospital in der Provinz, wie wichtig das ist, brauche ich nicht erneut zu betonen.

Mit dem I.C.R.C. haben wir ein Vertrauensverhältnis, er fördert uns mit seinen Möglichkeiten. Unsererseits behandeln wir Kriegsverletzte, für die sich das I.C.R.C. besonders zuständig fühlt, berichten darüber dem I.C.R.C. und erhalten als Gegenleistung gut bestückte Verbands-Sets.

Ich erinnere daran, dass die Provinz Wardak ja von den Taleban beherrscht wird. Die Regierung hat in den Distrikten der Provinz nur noch ihre “Posten”, das heißt Verwaltungspunkte. Sie sind stark gesichert, werden aber regelmäßig von den Taleban angegriffen. Wir nehmen die Verletzten auf, häufig Zivilisten. Manchmal kommen sie zu spät, verdreckt, die Wunden vereitert.

Wertvoll ist, dass das I.C.R.C. Kurse in Erster Hilfe in Kabul für bis zu 15 Teilnehmer anbietet. Wir bemühen uns, die Teilnehmer aus der Provinz zu organisieren. Sie kommen zum Hospital aus einem Gebiet von bis zu drei Stunden Entfernung – oder noch mehr.

Repariert, erneuert, verbessert …
Überall ist etwas instand zu setzen, zu verbessern, zu erneuern. So stehen Reparaturen und eine neue Zementierung um das Männer- und Kinderhospital an, auch um das Frauen- und Kinderhospital. Die Toiletten müssen repariert werden. Die Materialien haben wir schon besorgt.

Zeitraubend war die Beschaffung von Stühlen für Ambulanzen und den Notbehandlungsraum. Dr. Ehsan und Matiullah zeigt mir zuerst einen Bürostuhl mit Kopflehne, der mir für ein Hospital nicht richtig geeignet erscheint. Dann bringen sie einen ähnlichen Stuhl, aber gekürzt. Er sieht gut aus, wäre aber wahrscheinlich schnell zerschlissen. Stühle auf Rollen, die in Ambulanzen stark strapaziert und täglich nass gesäubert werden, müssen besonders stabil sein. Am Ende hilft uns Bruder Georg von der Bruderschaft der Christusträger, die in Kabul eine Ambulanz speziell für Kranke mit Leishmania, TBC, Lepra und Epilepsie unterhalten

Bruder Georg leitet einen “Workshop”, eine sehr gute Werkstatt, in der Afghanen arbeiten und ausgebildet werden. Da sollen jetzt die benötigten robusten Stühle hergestellt werden. Sie werden für uns auch Elektroverteiler mit Steckdosen machen, die man im OP und den Ambulanzen an die Wand hängen kann, um die Kabel vom Boden wegzuholen. Die chinesischen, die ich auch in meinem Zimmer in Kabul habe, sind mangelhaft, mit ärgerlichem Wackelkontakten.

Höhepunkt meines Frühjahrsbesuchs in Kabul ist wie immer das Treffen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Dafür war zunächst der 21. März vorgesehen. Doch ausgerechnet an dem Tag des Frühlingsbeginns war die Zufahrt nach Kabul gesperrt. Präsident Karsai hatte die Regenten aus Tadschikistan, Usbekistan und Pakistan zum Neujahrsfest nach Paghman in ein Luxushotel eingeladen, dazu war aus Sicherheitsgründen auch der Flughafen gesperrt. In vielen islamischen Ländern wird das Neujahrsfest am 21. März gefeiert. (Später wurde bekannt, dass das Treffen aus Sicherheitsgründen um zwei Tage verschoben und in den Präsidentenpalast verlegt wurde.) So fand die Reise aus Chak eine Woche später am 28. März statt.

„Über jeden Berg gibt es einen Weg.“
Die Mitarbeiterinnen hatten Angst vor Straßensperren, Durchsuchungen, Minen am Wegesrand. Würden sie kommen? Die größte Gefahr lauert auf der Straße von Chak zur Hauptstraße Ghazni – Kabul, wo die Taleban in einer wüstenartigen Ebene Minen gelegt haben. Afghanische Soldaten haben dort einen Stützpunkt gebaut, den die Taleban immer wieder angreifen. Es gibt aber einen Umweg, das Gefahrengebiet kann umfahren werden. Die Männer konnten die Frauen überzeugen. Damit hatte ich die Freude, auch die Mitarbeiterinnen zu sehen und zu begrüßen.

Am Tag zuvor waren aus Chak schon zwei Köche und ein Administrator mit großen Töpfen und Platten angereist. Donnerstagnachmittag wurde für das Festessen eingekauft, Leckereien, die man in Chak gar nicht hat. Dazu Kuchen, Kekse, Süßigkeiten zum Tee aus Deutschland, Bananen und Mandarinen aus Pakistan. Das wichtigste war natürlich das Fleisch. 25 kg wurden noch am Abend zu Köften (Hackfleischbällchen) verarbeitet. 70 Personen und paar mehr waren zu bewirten. Die Kosten? Gespendet von zwei Freundinnen Chaks.

Viel Freude auch wieder beim Verteilen von Geschenken aus Spenden, Zeichen der Zuwendung für die Menschen, dass man an sie denkt, dass man sie nicht vergisst.

„Über jeden Berg gibt es einen Weg“
Das wird auch unsere Zukunft prägen.

Eine Dunstglocke aus Smog und gedrückter Stimmung überlagert Kabul.
Die bevorstehenden Wahlen setzten ihre Zeichen: Fünf große Attentate in zehn Tagen, zwei auf Hauptwahllokale, ein Luxushotel für Ausländer, ein Gästehaus gemietet von einer Minenräumorgansation, auch auf das Innenministerium. Eine Woche vor den Wahlen sind aus Sicherheitsgründen Ministerien und Schulen geschlossen.

Schutzengel schwirren in der Luft.
Am 5. April, dem Wahltag geht es friedlich zu. Ein Aufgebot von angeblich mehr als 400 000 Bewaffneten im Lande sollen die Wahllokale sichern. Zufahrten sind gesperrt, die Grenze nach Pakistan geschlossen.

In Chak stellte man an zwei Plätzen Wahlurnen auf, durch Polizei abgesichert. Trotzdem blieb die Wahlbeteiligung sehr gering: Man wollte von Taleban nicht gesehen werden. Zum Hospital kamen an dem Tag nur zwei Patienten. Man blieb zu Hause.

Anders in Kabul, wo der der Andrang groß ist. Viele junge Leute und Frauen lassen sich trotz Warnungen der Taleban und Angst nicht vom Wählen abhalten. Die Auszählung wird dauern, da viele Wahlboxen von weit her, auch aus den Bergen per Esel zu den Sammelstellen transportiert werden müssen. Über 3000 Esel sollen dafür bereitgestellt sein.

Noch ein Wort über die ständigen Stromabschaltungen. Sie scheinen mir willkürlich. Will ich Fernsehen, Nachrichten oder einen Film zur Ablenkung, um vor beängstigenden Geräuschen in die Illusion zu entfliehen, wird kurzerhand der Strom abgedreht. Der Strom kommt und geht, hier bestimmen andere den Rhythmus. Und wenn der Strom da ist und man einen Film sehen möchte, kommen plötzlich heftige kalte Regengüsse, deren Wassermassen die Antenne auf dem Dach meines Hauses so herunterdrücken, dass kein Empfang möglich ist. Lesen geht auch nicht.

Natürlich ist das nicht wirklich wichtig, einfach nur ärgerlich, dass man nicht kann wie und wann man möchte. Der Auslauf wird durch die Wände des engen Zimmers begrenzt. Die Nächte werden lang. Finsternis kriecht ins Herz. Eine Taschenlampe ist der Begleiter zur Toilette. Konzerte, Kino, Restaurantbesuch, Spaziergänge – nicht daran zu denken. Den Tag beginne ich mit Nescafé anstelle des guten Kaffees aus der Maschine zuhause. Kleinigkeiten alles, aber wenn sie sich gesammelt auf das Gemüt legen, sinkt die Stimmung. Da denkt man, wie gut es uns doch daheim in Deutschland geht.

In diesen Wochen suchen mich alle schlimmen Erkältungen heim. Sie sind zäh, ich kann sie nicht einfach aushusten. Ich mache das kalte Badezimmer und den Wechsel vom warmen Zimmer in den kalten Flur verantwortlich. Jetzt verstehe ich besser, dass sich die Menschen in kalten Gegenden nicht oft waschen. Durch die Kälte zittert man am ganzen Leib, die Haut wird rissig, tut weh. Kraft geht verloren, Energien, die für die Zuwendung für die Afghanen bestimmt sein sollen.

Zeit, um sich ins Bett zu verkriechen, ist nicht. Es gilt, die angereisten Mitarbeiter zu motivieren, zurechtzurücken. Ihre Erwartungen sind groß, sie sollen nicht enttäuscht werden.

Ich gebe mir einen Ruck. Der Frühling überwindet den Winter. Mein Blick fällt auf einen prächtigen, in voller Blüte stehenden Forsythienstrauch, ein Geschenk zu meinem Geburtstag. Davor steht eine kitschige kleine Geburtstagstorte, verziert mit kleinen bunten Kerzen. Matiullah, der afghanische Mitarbeiter, hat sie mir geschenkt. Wenn ich von der Torte esse, dabei mit Blick auf den blühenden Strauch, geht es mir wieder besser.
Karla Schefter


 

25.06.2013

Privater Bericht von Karla Schefter, Kabul, Anfang April 2013.

Das Wichtigste zuerst: unser Hospital in Chak läuft normal, und das bedeutet gut! Das ist eigentlich eine sensationelle Nachricht, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass sich das Land inmitten eines furchtbaren Bürgerkriegs befindet, und die Provinz Chak besonders stark betroffen ist. Das Hospital läuft gut dank der afghanischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dank dem nicht verzagenden Kuratorium und Vorstand, dank der weiterhin großzügigen Spender und Freunde Chaks.Für die 73% Frauen und Kinder, für die Armen in der Provinz ist das Hospital überlebenswichtig. Das Hospital ist Arbeitgeber für die Mitarbeiter. Jeder von ihnen hat eine Großfamilie von einem Dutzend oder mehr Personen zu unterhalten. Unter den Mitarbeiterinnen sind zwei Witwen und vier Frauen, deren Männer keine Arbeit haben. Den Frauen stärkt die Arbeit das Selbstwertgefühl. Alle werden gefordert, ihr Wissen zu erweitern und über den engen Provinzfamilienkreis hinaus zu schauen. Und das kommt auch ihren Kindern zu Gute. Sie sind beispielhaft, auch für die anderen Dorfbewohner, für ihre Landsleute. Wir haben im Augenblick 74 Mitarbeiter, 15 von ihnen sind Frauen. Seit Jahren machen wir eine besondere Erhebung. Wir fragen die erwachsenen stationären Patienten, woher sie kommen, und ob sie Schulbildung und Arbeit haben. Die Ergebnisse der Befragung in den letzten drei Monaten waren so:erwachsene stationäre Patientenin unserem Hospital    Anzahl    mit Arbeit    mit SchulbildungJanuar 2013               429         6                 2Februar 2013             442        11                2März 2013                  419        15                2Das ist ein bestürzender Befund, er sollte allen die Augen öffnen, die noch nicht wissen, welche verheerenden Folgen der bald zwölfjährige NATO-Krieg hat.Und die Situation verschlechtert sich noch weiter: mehr Kämpfe und Übergriffe, mehr Tote. Die Leute wollen, dass sich die NATO aus der Provinz zurückzieht. Über die Vorkommnisse beschweren sie sich massiv beim Parlament. Die Karsai Regierung hat schon den Provinzgouverneur ausgetauscht, weil er zu sehr auf Seiten der NATO war, sagen die Leute. Für die Provinz Wardak gibt es seit langem eine Schattenregierung der Taliban. Sie haben keine offiziellen Büros, aber es kommt hier und da ein Talib und stellt sich z.B. als Vertreter der Taliban-Gesundheitsverwaltung vor, bietet Hilfe an, hinterlässt auch eine Telefonnummer. Wie verhalten sich dem gegenüber unsere Mitarbeiter? Ganz strikt, wir haben nichts mit der Politik zu tun, wir nehmen nicht Stellung, wir sind die medizinische Partei. Das ist bis heute respektiert worden, besonders von den Taliban wird es mit Hochachtung registriert.Wenn man sich dieses Umfeld vergegenwärtigt, die Bedingungen des Bürgerkriegs mit ausländischer Einmischung, dann ist es in der Tat sensationell, wie ich oben sagte, dass das Hospital noch so gut läuft.Ich habe viel Erfreuliches erlebt.In Peshawar - Pakistan begrüßte mich mein kleiner Hausbewohner, ein Gecko mit frühlingshaften Lauten. Ich verwechselte es zuerst mit Vogelgezwitscher. Eine Schale mit betörend duftenden Orangenblüten stellte ich etwas weiter weg, aus Riechweite, aber nicht Sichtweite. In meinem Bett baute ich mir mit vielen kleinen und großen weichen Kissen ein kuscheliges Nest. In Peshawar bereiteten wir auch alles für die Reise der Mitarbeiter von Chak nach Kabul vor.In Kabul erneut häusliches Einrichten - in dem einen Zimmer und Bett. Zur Begrüßung standen vorne neben der Kaffeekanne kleine wilde Bergtulpen. Forsythien, letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt, strahlten in üppiger Blütenpracht gelb in der Sonne aufleuchtend auf. Alles im Zimmer bekam wieder seinen bewährten Platz.Meinen Geburtstag habe ich wieder mit meinen ältesten Freunden gefeiert, mit den „Schwestern“ (vier kath. Nonnen) und den „Brüdern“ (Christusträger, eine evang. Bruderschaft), natürlich auch mit den beiden Schwitteks, die ich schon seit 1989 kenne (bei ihnen haben wir das Zimmer gemietet). Das Festessen waren knusprige Reibekuchen mit Apfelmus, vom afghanischen Koch frisch gebacken, dazu eine kitschig süße Torte.Dienstbesprechung und Betriebsausflug.Höhepunkt meines Aufenthaltes in Kabul war wieder das Zusammentreffen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Chak, für die die Reise nach Kabul ein jährlicher Betriebsausflug zu Zwecken der Besprechung ist. Für jeden hatte ich einen Überraschungsbeutel, aus Sachspenden zusammengestellt. Auch das so besondere gemeinsame Essen war von langjährigen Freundinnen Chaks gespendet worden. Einen Tag vorher waren schon ein Koch, ein Mann aus der Wäscherei, ein weiterer Administrator angereist. Es machte ihnen sichtlich Vergnügen, alle guten Sachen einzukaufen und zusammen mit dem Koch unseres Vermieters die Speisen bis in die Nacht hinein zu bereiten. z.B. das Fleisch zu köstlichen Fleischbällchen - Köfte - zu verarbeiten. Alle, bis auf die im Hospital Diensthabenden, waren gekommen. Sie waren schon um 6:00 morgens von Chak aufgebrochen. Um 9:00 Uhr begrüßte ich sie mit Tee und Kuchen und einer Ansprache. Dr. Ehsan, ärztlicher Direktor, machte den Dolmetscher. Er übermittelte auch den herzlichen Dank aller an das Komitee, an das Kuratorium, an die Spender, Helfer, Freunde.Frauen wie Männer hatten sich schmuck gekleidet. Ihre Gesichter waren frisch und glänzend, keineswegs sorgenvoll oder gar verhärmt, wie man es bei den schweren Lebens- und Arbeitsbedingungen erwarten würde. Hält sie die Kühlschranktemperatur des Winters frisch? Nein, es ist die Höflichkeit der Afghanen, dem Fremden ein freundliches Gesicht zu zeigen. Ich habe aber das eine und andere Mal gesehen, dass das Gesicht zusammenfiel, wenn sich die Menschen unbeobachtet fühlten. Man kann das nachvollziehen.Mit gewisser Wehmut denke ich daran, dass die Männer, die ich vor Jahren noch mit schwarzem Haar und schwarzen Bärten kannte, heute grau geworden sind. Natürlicher Alterungsprozess? Nicht allein. Die ständigen Sorgen, die vielen schockierenden Ereignisse beschleunigen den Vorgang. Alle hatten die Möglichkeit, Einzelgespräche mit mir zu führen. Aber, landestypisch, allein kam niemand auf mich zu. Das macht man in Begleitung, zu zweien, dreien. Einer trägt das Anliegen vor, die anderen bestärken ihn. Es ist auch immer wie unter Zeugen. Chirurg und OP-Pfleger baten um neue OP-Anzüge, einen OP-Tisch, chirurgische Lehrbücher. Sie erzählten, dass das Dorf des Orthopädischen Chirurgen gerade von der NATO bombardiert worden war. Ein kleines Mädchen und eine Frau seien dabei getötet worden, die Kämpfe gingen weiter.Über eine unserer Putzfrauen wurde massiv Beschwerde geführt: Sie soll von den Patienten Geld genommen haben, besonders nach Geburten, auch ihre Arbeit nachlässig gemacht haben. „Schirini“ nennt man auf Dari Bestechungsgeschenke, das Wort heißt eigentlich „Süßigkeiten“ (wovon sich in Afghanistan ziemlich viele Leute ernähren). Die Hospitals Leitung wird die Frau, die schon seit Jahren bei uns arbeitet, schriftlich abmahnen. Bei einem neuen Vorkommnis muss sie mit Entlassung rechnen.Trotz wiederholter Verwarnungen nimmt sie Geld, besonders nach Geburten an. Auch vernachlässigt sie ihre Arbeit. Die Führungsspitze und ich formulierten eine schriftliche Verwarnung, dass sie damit rechnen muss entlassen zu werden, wenn sie weiter die Regularien nicht befolgt. Fehlverhalten dieser Art kommt leicht heraus, es spricht sich herum und ist dem Ruf des Hospitals nicht förderlich.Die Frauen übrigens klagten lebhaft darüber, dass sie im Auto auf dem Weg von ihren Dörfern zum Hospital und zurück häufig gestoppt und durchsucht würden.Es wurde mir ein neuer Laborant vorgestellt. Er ist jung, stammt aus der Umgebung, hat in Kabul eine gute Ausbildung erhalten. Das ist für uns ein Glücksfall. Er nimmt den Platz eines kürzlich entlassenen Laboranten ein. Männer von Patientinnen hatten sich beschwert, dass er sich ihren Frauen unziemlich genähert habe. Wir waren gezwungen, den Mann zu entlassen, sonst hätten die Taliban etwas unternommen. Vor Jahren hat ein Vater unseren damaligen Administrator erschlagen, der sich angeblich an seine Tochter „herangemacht“ hatte. Mit einem stolzen Strahlen erzählte Leik, der OP-Pfleger, dass er einen Lehrer bezahlt,um seinen vier  Mädchen zu Hause Unterricht zu geben. Anrührend war zu beobachten wie sich die Männer abwechselnd vor einen bereits prächtig blühenden Forsythien-Strauch setzten, um sich fotografieren zu lassen. Danach war es soweit, das kleine Festessen wurde aufgetragenGegenseitig schob man sich die guten Fleischhappen zu, grub sie aus dem Reistopf heraus. Fleischbällchen mit Sauce wurden der Reisplatte zugefügt. Lauch, Tomaten, Gurken frischten zwischendurch auf. Wasser und Fladenbrot gehören immer dazu. Den Abschluss bildeten Pudding und Obst. Danach Abschied, die Reisegesellschaft stieg in ihre Busse zur Rückfahrt nach Chak, auf Wiedersehen hoffentlich im Herbst. Der Minibus mit den Frauen wollte aber nicht mehr, bei der Ausfahrt von Kabul brach er zusammen. Gott sei Dank konnte man dort noch gut einen Ersatzbus finden. Alle sind wohlbehalten zu Hause angekommen.Als nächstes haben wir danach das für die nächsten sechs Monate benötigte Material eingekauft, eine zeitraubende Sache, wenn man sorgfältig ist und auf preiswerte Gelegenheiten Wert legt. Die Bedarfsliste zeigt, dass alle interessiert sind, das Haus in Ordnung zu halten. Es wurden Türgriffe, Glühbirnen, Installationsmaterial besorgt, eine große Schüssel für die Küche, Stoff für die Bäckerei, Büromaterialien, Plastikteppiche etc. Aber auch Waschpulver, Seife, Putzmittel, Plastikeimer, Toilettenpapier. Und natürlich Medikamente. Zeitraubend ist es, immer mehrmals Geld von der Bank abzuheben. Die Vorratskäufe in Ghazni von nicht verderblichen Lebensmitteln, wie Reis, Öl, Mehl etc. stehen noch an, wie auch der Holzeinkauf in Gardez.Ostern Auch das galt es, nett vorzubereiten. Es brauchte einige Tage, um ein paar Zweige zu finden, die schon etwas grünten. Diese schmückte ich mit ausgeblasenen und bemalten Ostereiern, die mir meine allerliebste Tante mitgegeben hatte. Die Afghanen waren beeindruckt, sie ließen sich davor fotografieren. Ich erzählte von unseren Ostergebräuchen, dass es gerade bei den Kindern so beliebt ist, nach den vom Osterhasen versteckten Eiern zu suchen. “Die Brüder“ hatten Ostersonntag zum Frühstück eingeladen. Der österlich reich gedeckte Tisch rief freudige Begeisterung hervor, jeder bekam einen bunten Osterteller. Wir waren 12 Personen, zumeist Afghanistan-Veteranen. Katharina, eine der kath. Nonnen, hatte hart gekochte Eier bunt bemalt. Es gab Salami und Käse aus Deutschland, und mit der selbst gemachten Mayonnaise schmeckte alles köstlich. Zwei Tulpensträuße und eine geweihte Kerze der Pallotiner des Kath. Forums aus Dortmund erhöhten die Festlichkeit, die hochgemute Stimmung ließ den Tag zum Ostertag werden. Deutsch-afghanische Zusammenarbeit.Die afghanischen Mitarbeiter trugen weitere Anliegen zwecks Genehmigung vor. Sie sagten, sie hätten sie nicht schriftlich angekündigt, weil man besser erst darüber sprechen solle.Starke Regenfälle hätten das Erdreich an der Bergseite der traditionellen Häuser so ausgewaschen, dass es längerfristig gefährlich werden könne. Es müssen Abflussrinnen geschaffen und betoniert werden. Der Zugang von der Straße zum Haupteingang des Hospitals und zum hinteren Ambulanzbereich ist auch zu betonieren. Bei Regen und Schnee sind diese Gebiete ziemlich matschig. Durch die Befestigung wird auch erreicht, dass nicht so viel Dreck durch die Patienten ins Hospital geschleppt wird. Die Entsorgung von Sonderabfällen, wie z.B. Plazenta, Nachgeburt nach der Entbindung muss verbessert werden, sie müssen weit entfernt vergraben werden, auch um zu verhindert, dass sie Hunde anziehen. Die Elektrizitätsversorgung vom Wasserkraftwerk hat sich ohne Zahlung wieder normalisiert.Da das Wasserkraftwerk aber nicht durchgängig läuft, kam die Bitte, einen Kühlschrank, betrieben durch Solarenergie anzuschaffen. Ein Angebot existierte schon aus dem letzten Jahr, ich genehmigte den Antrag.Wir wollten Angebote von OP-Tischen einholen, haben aber noch nichts gefunden.ZufriedenstellendesEine Beschwerde kam über einen OP-Pfleger, er sei dumm, würde nicht arbeiten und hätte seit sechs Monaten Krach mit dem Chirurgen. In dem Fall ist wieder eine schriftliche Mahnung notwendig. Es galt die monatlichen Rechnungsabschlüsse und Berichte fertig zu stellen. Die Besprechungen wurden mit Tee begleitet und versüßt durch Schleckereien, die ich teilweise sogar von Weihnachten aufgehoben hatte. Ein kleines Erdbeben mit Nachbeben rüttelte uns zwischendurch auf.Ich fühle mich wohl in der Gemeinsamkeit, dem entspannten und vertrauensvollen Miteinander. Ein Treffen mit dem Koordinator der Gesundheitsprogramme des ICRC (Int. Rotes Kreuz) und weiterer Interessenten war sehr wertvoll. Sie lassen uns jetzt benötigte med. Materialien und Medikamente direkt zukommen. Sie übergehen die Abteilung des Gesundheitsministeriums von Wardak. Es sind Materialien und Medikamente, die das ICRC. vor Ablauf des Verfallsdatums nicht aufbrauchen kann. Ansonsten versorgt das ICRC nur Kriegsverletzte. Wir nehmen natürlich nur das, was bei uns auch benötigt wird und in Mengen, die innerhalb der Zeit verbraucht werden. 100 Patientendecken waren auch eine große Hilfe. Ein weiteres wertvolles Treffen hatten wir mit Herrn Diering vom deutschen Diagnosezentrum in Kabul. Ihm und seinen afghanischen Mitarbeitern haben wir es zu verdanken, dass wir einen großen Transport von Medikamenten der Action Medeor von allen Ministerien frei bekamen.Diese Medikamente hatten sich in zwei Jahren angesammelt. Der Prozess, die Medikamente innerhalb Kabuls frei zu bekommen, dauerte fünf Monate, erschwert besonders durch das Finanzministerium, Gesundheitsministerium, dort die Pharmazie- Abteilung. Sie nahmen Proben und untersuchten diese deutschen Medikamente, hergestellt nach deutschem Arzneimittelgesetz, ob sie auch gut seien. Nicht umsonst hat Herr Diering Magenbeschwerden. Entscheidend in Deutschland war die Hilfe von Frau Hoffmann, Action Medeor. Zuverlässig und geduldig schrieb sie die Medikamentenlisten immer wieder nach den Anforderungen der Ministerien um. Sie fertigte auch die Frachtbriefe und brachte den Transport aus Deutschland auf den Weg.Nochmals, ohne diese Hilfe und die Hilfe in Kabul hätten wir die wertrollen Medikamente für Chak nicht gewinnen können. Private EssenseinladungEine willkommene Abwechslung war der Besuch bei Redi Gul, der seit 1994 mit uns als Röntgenassistent arbeitet. Er spricht etwas Deutsch, hatte fünf Jahre vor dem Krieg mit Deutschen in Khost gearbeitet. Er wohnt am Rande von Kabul in Richtung Chak. Er nimmt es in Kauf, jedes Wochenende nach Chak und zurück zu fahren.Ich hatte auch in Chak schon immer Kontakt zu seiner Familie, mit seiner warmherzigen Frau den hübschen, intelligenten Töchtern. Die eine möchte Ärztin werden. Ein Sohn ist im Innenministerium bei der Polizei. Der andere Ingenieur, war vor zwei Jahren gekidnappt worden. Immer wieder bewundernswert und begeisternd, wie die afghanischen Frauen ein hervorragendes Essen in ihren beschränkten Kochmöglichkeiten zaubern können. Und wie die Essplatten immer wie farbenprächtige Gemälde angerichtet werden. Es ist vergleichbar auch mit ihren farbenfrohen Handarbeiten. Auf dem Pudding war wiederholt “welcome“ geschrieben. Palmen auf Hügeln zierten den Bereich darunter. Ich stach mir mit dem Löffel ein “welcome“ und ein paar Palmen zum Verzehr aus. Überschattet wurde dieser sinnesfrohe Genuss von sorgenvollen Gesprächen über das, was wohl 2014 nach dem Abzug der ausländischen Truppen auf Afghanistan zukommt. Für Chak meinte man, es wäre besser, wenn die NATO abziehe. Bei solchen Essen ist es immer so, dass zuerst nur die männlichen Familienmitglieder mit mir zusammen essen. Danach ziehen sich meine Begleiter zurück und es kommen die Frauen des Hauses, die sich nach dem Kochen für mich in selbst genähte und bestickte Kleider umgezogen haben. Es wohnen vier Familien zusammen. Der Mann der Tochter von Redi Gul ist arbeitslos, Es werden alle von der Großfamilie aufgefangen. Die Frauen forderten mich auf öfter zu kommen. Für sie bedeutet es Abwechslung vom Alltag, sie gewinnen an Bedeutung wenn Ausländer ins Haus kommen. Man wird immer durch ein kleines Gastgeschenk wie z.B. eine Handarbeit verabschiedet. Buchankündigung.Es ist ein drittes Buch in Arbeit. Schon viele Jahre war es mein Wunsch, die von mir lyrisch beschriebenen Frauenporträts und Gedichte zu veröffentlichen. Auslöser war, dass ich zu meinem siebzigsten Geburtstag ein Unikat, versehen mit auch von mir gemachten Bildern, vom Vorstand geschenkt bekam. In Zusammenarbeit mit Barbara Burg, die unsere 20-jährige, so sehr gelungene Jubiläumsbroschüre betreut hatte, war dieses Geschenk ein begeisterndes Kunstwerk geworden. Zur Kostbarkeit wurde es auch noch dadurch, dass es in eine afghanische Stickerei gebunden ist. Ein besseres Geburtstagsgeschenk konnte man mir gar nicht machen. Mit einem derartigen Afghanistan-Buch sollen nun zukünftig auch andere Gelegenheit erhalten, meine Begeisterung zu teilen. Ich konnte den Ingrid Lessing-Verlag und wiederum Barbara Burg gewinnen, mir bei der Umsetzung zu helfen. Frauen-Menschen, so der Titel des Buches. Es wird eine Auflage von 1.000 Stück haben. Es ist ein Frauen-Projekt. In jedem Beitrag steckt viel Liebe und Hingabe. Meine Freundin Rosy Kramme schrieb dazu: „Auf die von Karla Schefter geschriebenen Beiträge und Gedanken muss der Leser bereit sein sich einzulassen, sie emotional zu erfassen. Während allerlei verallgemeinernde Botschaften von unterschiedlichen Interessengemeinschaften und Regierungen über das afghanische Leben in die Welt gesetzt werden, bleibt sie in der Beobachtung auf liebender Distanz.“ „Ohne poetischen Schnickschnack oder komplizierte Regeln wird die Einfachheit sichtbar wahr, wie sie gelebt wird, auch wenn manche Abläufe im Kopf als Frage verhaftet bleiben. So vermittelt dieses Buch den Zugang zum bestehenden Alltag der Menschen dort auf völlig neue Weise. Es werden kleine komplexe Geschichten erzählt, die verdeutlichen, dass auch heute noch althergebrachte Beschränkungen, überlieferte Rituale das tägliche Leben und die Handlungen bestimmen.“In Peshawar (Pakistan) habe ich mich um hochwertiges Material für die Stickereien bemüht. In Afghanistan ist das nicht möglich. Aus Lahore kam eine Person von einer Textilfabrik mit Mustern, auch in verschiedenen Farben. Es stellte sich heraus, dass von den Farben, die ich auswählte, nicht genügend Stoff vorhanden war, also erneute Anreise von Lahore. Schließlich fand ich die richtigen Farben, auch in der benötigten Materialabmessung. Wie Teppichrollen wurden die Stoffe von Peshawar nach Kabul transportiert. Barbara Burg hatte mit der Buchbinderei professionell die benötigten Maße ausgearbeitet und mir zukommen lassen. Mein Mitarbeiter und ich schnitten 1000 zu bestickende Flicken nach den Vorgaben zu. Auch fertigten wir Schablonen aus Pappe, um damit die zu bestickenden Flächen fest zu legen. Barbara Burg bat vorab um eine Musterstickerei für die Buchbinderei. Unsere Zahnärztin Dr. Anisa fand eine Stickerin, die auch sofort eine gute Arbeit fertigte. Wegen Kämpfen konnte sie nicht kommen und das Muster abliefern. Also erneutes Besticken eines Flickens unter Zeitdruck, da ich mit “Den Brüdern‘‘ eine Einladung des Militärpfarrers zum Erntedankfest hatte. Der Militärpfarrer war bereit, das bestickte Muster per Feldpost nach Deutschland zu schicken. Man kann ja nicht einfach zum Postamt gehen, um dort diese Art von Päckchen aufzugeben.Schließlich klappte alles, die Blumen leuchteten farbenfroh aus dem grünen Textil. Inzwischen war ich zurück in Deutschland, aber das Gestickte per Feldpost war noch nicht angekommen.. Nach Telefonaten stellte sich heraus, dass wegen einer Umstellung die Feldpost erst vier bis fünf Wochen verspätet ausgeliefert werden konnte. Auch das wurde zum guten Abschluss gebracht. Frauen in Chak und Kabul sticken liebevoll und reichten den Deutschen diese Blumen in Freundschaft. Dr. Anisa, unsere Zahnärztin, Frau des ärztlichen Direktors, verteilte und beaufsichtigte alles. Jede Stickerei ist ein Unikat, hat Leuchtkraft, strahlt Wärme aus, obwohl in den kalten Wintermonaten ohne Strom gefertigt, also unter Laternenlicht und ohne Heizung. Bei meinem jetzigen Aufenthalt wurden nochmals Flicken mit dem Titel des Buches, meinem Namen und Blumen gestickt. Das beste Muster will Barbara Burg für den Buchdeckel fotografieren. Ich erzähle das so ausführlich, um für das Besondere des Buches Verständnis zu wecken. Wenn es herauskommt, werde ich selbstverständlich weiter informieren. Abschließend kann ich bescheiden sagen, dass auch diese Einsatzreise nach Afghanistan für die Menschen, für die Patienten des Chak-e-Wardak-Hospitals und für mich selbst erfolgreich war. Es grüßtKarla Schefter